Juni – eigentlich mein Lieblingsmonat in Russland! Mit Nachtigallengesang, blühenden Büschen an den Wegrändern und einer Fülle von bei uns längst verschwundenen Blumen auf den Wiesen. Heuer ist es zwar nicht viel anders als bei uns, bald 5°C, bald 25,
die Menschen fragen sich bang, ob das nun der Frühling war oder etwa bereits der Sommer, und was wohl noch zu erwarten ist.
Immerhin erlaubt das Wetter eine Fahrt zum Dörfchen Karejewo! Die holperigen Wiesen, die ab und zu zur Vermeidung der noch holperigen Wege zu durchqueren sind, sind trocken genug, dass der treue alte Niwa mit Vierradantrieb nicht im Matsch versinkt, und das Wasser im Flüsschen steht genau so tief, dass wir gerade keine nassen Füsse bekommen. Nicht immer ist das so. Es gibt Jahreszeiten, wo wir über mehrere Kilometer zu Fuss gehen müssen, und während einiger Wochen ist Karejewo überhaupt nicht erreichbar.
Dennoch ist die strapaziöse Fahrt nach Karejewo ein Fest! Dort leben nämlich unsere guten Freundinnen, vier alte Frauen, einzige übrig gebliebene Bewohner des ausgestorbenen Dorfes, die das karge und mühselige Dasein in dieser Abgeschiedenheit, aber in Freiheit, dem Altersheim vorziehen. Sie wissen, dass sie vergeblich auf den Rettungsdienst warten werden, falls eine von ihnen erkrankt oder stirbt, sie kriegen während mehrerer Wochen oder gar Monate kein Brot und auch keine Post, auch bei grimmigster Kälte sind sie zur Beheizung ihrer ärmlichen Behausungen auf den alten russischen Ofen und auf genügend Brennholz angewiesen. Aber seit wir die vier kennen, haben wir sie nie anders als guter Laune gesehen. Sie haben ihr kleines Gemüsegärtlein und ein paar Hühner, ab und zu ein Schaf, und sie sind der Meinung, das genüge ja vollkommen zum Leben, und sie seien nun eben hier zu Hause. Für die Holzlieferungen und Lebensmittelpakete von RADUGA sind sie zwar unendlich dankbar, aber ich habe den stillen Verdacht, sie würden auch ohne uns mit ihren Lebensbedingungen fertig…
Der Niwa hält vor dem Häuschen der unausgesprochenen „Chefin“ des Quartetts. Dass es einstmals ein überaus schmuckes Häuschen war, ist gut zu erkennen. Und dass in dem heute langsam zerfallenden Schnitzwerk an den Fensterrahmen noch immer der Sowjetstern prangt, erscheint mir verzeihlich – wer sollte ihn denn jetzt durch etwas anderes ersetzen? Unsere Ankunft – wir haben sie durch das einzige Telefon vorangekündigt – wurde bemerkt, die vier, die sich bereits zu unserem Empfang versammelt haben, kommen ins Freie geeilt, und wir werden begrüsst mit einer Herzlichkeit, wie ich sie nur in Russland erlebt habe. Angewärmte Socken und warme Jacken und Tücher, wie wir sie jeweils im Winter zu erhalten pflegen und auch gern annehmen, brauchen wir heute ja nicht, und so wird rasch der Tisch in die Mitte des winzigen Zimmers gezogen, mit verschiedensten Sitzgelegenheiten umstellt und dann gedeckt. Brot, Wurst und Früchte und einige der zum Tee üblichen Süssigkeiten haben wir mitgebracht, aber dann tischt die Hausherrin Eigenes auf: Unvergleichlich köstliche Eier, Kohl- und Karottensalat und ihren geradezu traumhaften Kartoffelstock! Der liesse jeden Chefkoch vor Neid erblassen. Aber wie ich das, fast etwas unvorsichtig, erwähne, landet auf meinem Teller eine solche Portion, dass ich einen gelinden Schreck kriege! Er dauert aber nicht lange, es schmeckt alles einfach zu gut! Wir essen und trinken, immer wieder herzlich zum Zugreifen aufgefordert, man tauscht aus, was seit unserem letzten Besuch vorgefallen ist und was man darüber denkt. Die vier Alten interessieren sich für vieles und offenbaren grosse Lebensweisheit und -erfahrung und ein erstaunliches Wissen. Langweilig ist es nie in Karejewo! Dazwischen schaue ich mich um in dem Stübchen, in dem die Bewohnerin mit einfachsten Mitteln – einige Bilder aus Kalendern, die traditionellen Ikonen, ein gesticktes Handtuch, billige, aber freundliche Vorhänglein – echte Gemütlichkeit geschaffen hat.
Aber der herzerwärmende Besuch geht zu Ende, die lange Heimfahrt steht bevor. „Kommt bald wieder, vergesst uns nicht!“ Wir versprechen beides und sind auch fest entschlossen, unser Versprechen zu halten. Dennoch beschleicht uns der Gedanke: Werden wir wohl alle viere wieder sehen? Hier in Karejewo, und nicht etwa doch in Tarussa im Altersheim oder gar in den trostlosen „Sozialbetten“ im Spital? Aber: Wie Gott es gibt, sagen die Russen.
Bleibt der Niwa wohl auch auf dem Rückweg nicht stecken, ist das Flüsschen nicht etwa gestiegen?
Monica Chappuis
|