Wir alle kennen die alte Weisheit, dass es klüger ist, einem Hungernden eine Angel zu geben und ihn angeln zu lehren, anstatt seinen Hunger mit einem Fisch zu stillen.
Auch RADUGA wirkt wo immer möglich nach diesem Grundsatz,
deshalb definiert sich die Stiftung ja auch als „Hilfe zur Selbsthilfe“.
Indes, wie sieht das in der Praxis aus?
Immer wieder erleben wir, dass der Hungernde, um bei diesem Bild zu bleiben, keine Kraft mehr hat, die Angel zu halten, und noch viel weniger, sie erfolgreich zu führen. Er hat auch keinen Mut mehr, kein Vertrauen, dass er je wieder die Möglichkeit haben wird, zu angeln oder auch nur, es zu lernen. Da heisst es dann eben doch: Er braucht zuerst einmal einen Fisch! Er muss sich wieder einmal satt essen können. Erleben, wie man sich fühlt, wenn man keinen Hunger hat. Und dann lässt sich mit ihm auch besprechen, wie es weitergehen soll, wie seine Angel aussehen könnte.
Dieser erste „Fisch“ kann vielerlei Formen haben: Ein Lebensmittelpaket, aber auch ein paar warme Kleider, eine Ladung Brennholz, ein Medikament, etwas dringend benötigter Hausrat, oder Hilfe bei der Beschaffung irgendeines wichtigen Dokuments, das neue Möglichkeiten eröffnet. Und vor allem: Zuwendung, ein offenes Ohr für fremde Nöte, mitmenschliche Wärme. Hoffnung auf einen Ausweg aus der Verzweiflung.
Und dann ergibt die Angel als Mittel zur Selbsthilfe sich oft von selbst! Wie viele unserer Projekte haben mit humanitärer Hilfe begonnen und sich dann zu Selbsthilfeprojekten gewandelt! Dabei kann auch diese Selbsthilfe verschiedene Formen haben. Sicher kann sie unter Umständen den Lebensunterhalt, oder wenigstens einen Teil davon, bedeuten. Bei manchen Menschen jedoch, bei Betagten und Invaliden etwa, ist das nicht mehr möglich. Aber ist es nicht auch Selbsthilfe, wenn das Vertrauen wiederhergestellt ist, der Lebensmut und die Lebensfreude zurückkehren und der Hilfsempfänger Mittel und Wege findet, etwas für seine Mitmenschen zu tun?
Hilfe zur Selbsthilfe heisst bei uns darum fast immer: Erst der Fisch, und dann die Angel! Und damit machen wir gute Erfahrungen.
Monica Chappuis
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