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Warum die Zukunft früher besser war |
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Der idealisierte Nostalgieblick auf die alten Zeiten ist mit den Erinnerungen vieler älterer Menschen verbunden, nicht nur in Russland. Durch den harschen Systemwechsel vor zwanzig Jahren ist aber die russische Sehnsucht nach dem kommunistischen Lebensstil besonders verbreitet, nicht nur bei älteren Menschen.
Die Idealisierung der Vergangenheit beinhaltet oft Kritik an der Gegenwart. Angesichts der heute zum Teil schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse fällt die Bilanz dann zugunsten des alten Systems aus.
Kollektive Arbeitsorganisationen und das damit erzeugte Gemeinschaftsgefühl, Feste am Arbeitsplatz, keine Arbeitslosigkeit, weniger Kriminalität, aufgeräumte Innenhöfe, saubere Treppenhäuser, regelmässige Ausflüge mit den Arbeitskollegen – so genannte „kommandirovki“ – diese Dinge vermissen die Erzählenden heute.
Da es keine Restaurantkultur gab, hat man jeden Geburtstag und jede Beerdigung im Büro gefeiert, bzw. begossen. Fünfzig Angestellte arbeiteten im Architekturbüro in Leningrad, wo die 45jährige Natalja Antonovna beschäftigt war, und dennoch war das Klima familiär. Und da jeder von diesen vielen Angestellten einmal Geburtstag hatte oder einmal eine Grosstante verlor, stellt sich natürlich die Frage, wann denn eigentlich gearbeitet wurde? Nataschas Antwort: „Na, es gab doch ein Soll, einen Wochenplan, den musste man ja einhalten. Also gearbeitet hat man schon. Nur war alles nicht so anonym wie heute, die Leute waren gebildeter, kultivierter.“
Dass dabei die Effizienz litt, die Gründe für die Solidarität auch in einer Überlebensstrategie gegen ein übermächtiges Politsystem und in der Mangelwirtschaft lagen, scheint niemanden zu überzeugen. Wahrgenommen wird verständlicherweise, dass man sich mit weniger Geld damals mehr leisten konnte als heute, wo die Rente gerade einmal für eine Woche Nahrungsmittel reicht, wie wir von den Rentnerinnen der Stiftung wissen. Das Lohn-Preis-Verhältnis ist tatsächlich teilweise absurd. Als Vergleich eine kleine Milchbüchlirechnung: Das Verhältnis Durchschnittslohn zu einem Liter Milch beträgt in der Schweiz 1:3866 und in Russland 1:342.
Viele Menschen, welche RADUGA unterstützt, könnten ohne ihren Garten kaum überleben.
Durch die Stiftungsarbeit kommen wir gezwungenermassen nicht mit den wohlhabenden Russinnen und Russen in Kontakt. Das gezeichnete Bild trifft auf jene sicherlich weniger zu. Da sich das Land nach wie vor in einer Transformationsphase befindet, kann man nur Etappenberichte leisten, die je nach Standort (Stadt oder Land?) und der jeweiligen Generation („real existierenden Sozialismus“ noch erlebt oder nicht?) stark variieren.
Der Moskauer Schriftsteller Viktor Pelewin, ein Vertreter der neuen Ära, schrieb einmal scherzhaft, dass die Parteifunktionäre das Volk in schwierigen Zeiten auf die Zukunft vertrösteten, in der der Kommunismus dann schon eintreten wird. Als 1980 aber selbst die Olympiade nach Moskau kam, ohne dass der Kommunismus folgte, sei das letzte Vertrauen in den zukünftig regierungslosen Arbeiterstaat mit Gleichheit für alle definitiv geschwunden und damit das Ende eingeläutet worden.
Selbst die Zukunft war damit nicht mehr besser als heute. Zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion bleibt nur abzuwarten, was kommen wird. Geduld ist dabei unabkömmlich, hier wie im Westen.
Andrea Schild
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