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Der russische internationale Frauentag |
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Am vergangenen Freitag feierten wir mit dem RADUGA Klub den internationalen Frauentag. Der russische „Tag der Frau“ unterscheidet sich vom westlichen in seiner apolitischen
Gestalt. In Russland erinnert der Tag eher an unseren Muttertag. Aber ist die Art und Weise, wie man den 8.März feiert, nicht auch politisch?
Seit ein paar Tagen verteilt die Partei „Einheitliches Russland“ auf der Strasse Glückwunschkarten an die Frauen, selbst im Planetarium wird vor der Vorstellung gratuliert, unsere Mitarbeiterinnen beschenken sich gegenseitig und die Torten- und Blumenauslage der Geschäfte füllen sich. Doch wie ist eigentlich die Stellung der Frau in Russland? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und schon gar nicht mit einem westlich geprägten Verständnis von Emanzipation.
Auf der Glückwunschkarte der führenden Partei ist folgendes zu lesen:
„Liebe Frauen!
Das Allerbeste auf der Welt – das seid ihr!
Die ganze Welt stützt sich auf eure zarten Schultern. Die Frau war schon immer, ist und wird immer das Fundament der Familie sein, die Bewahrerin des häuslichen Herdes. Eure Liebe, das warme Herz, die Zärtlichkeit und Fürsorge wärmen beständig eure Verwandten und Nächsten und stärken ihre Kräfte und Überzeugung.
Wir gratulieren zum Feiertag, liebe Frauen! Auf das ihr immer gesund, schön, liebenswert, erfolgreich und glücklich seid! Mögen eure Tage sonnig sein, in den Häusern immer ein Lachen erschallen und eure Träume sich erfüllen!“
Letzten Donnerstag trugen Schulmädchen aus Wosnesenje und Lopatina an einem Fest zum Tag der Frau einen sportlichen Wettbewerb aus. (RADUGA transportierte die Kinder.) Folgende Tätigkeiten aus dem Leben einer Frau wurden da in einer Stafette umgesetzt: Wischen – den Boden nass aufnehmen – das Bett beziehen – Kartoffeln kochen – frisieren und aus Tapeten ein Kleid wickeln – den Kinderwagen manövrieren - Kaffee servieren und einige turnerische Übungen wie Ballbalance und Hockey.
Leicht irritiert wanderte da der Blick des in seiner Ausbildung zum Primarlehrer mit Gender-Fragen konfrontierten Berno Z’Brun zu der jungen und engagierten Schuldirektorin aus Barjatino, Tatjana Nikolajevna. Sind solche Rollenbilder, die in der Schule gezeigt werden, mit einer beruflich erfolgreichen Frau in der Chefetage zu vereinbaren?
Doch die Direktorin liess sich nicht zur Komplizin machen, sondern feuerte die Kinder begeistert an. Die Rollenklischees scheinen auch bei entsprechender Nachfrage unter Studentinnen niemanden zu irritieren.
Weil wir bei der Stiftungsarbeit fast nur mit Frauen zu tun haben – von unserem Team zur Familienarbeit über die Schularbeit über die Sozialbehörde bis zur örtlichen Zeitungsredaktion – lösen die oben genannten Beispiele bei uns Irritation aus. Aus den Begegnungen im Rahmen der Stiftung RADUGA kann man spontan den Schluss ziehen, dass Russland eindeutig von den Frauen getragen wird. Alkoholmissbrauch ist vor allem ein Problem der Männer, der von den Frauen erduldet und ausgebadet wird. Viele Frauen sind resolut, scheuen sich nicht, ihre Meinung – auch zu den Männern – auszusprechen und sind auch im Fernsehen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen ohne Blatt vor dem Mund zu hören. Frauen arbeiten oftmals in mehreren Jobs, da sie weniger als Männer verdienen und erledigen den Haushalt. Bedeutete der Feminismus der 60er und 70er Jahre in der Schweiz vor allem die Befreiung der Hausfrau, bot der geschichtliche Hintergrund Russlands ganz andere Voraussetzungen. Im Sozialismus waren die Frauen - wenn auch faktisch aus wirtschaftlichen und Populationsgründen (die Forcierung der „Traktoristin“ im Zuge der Modernisierung und Mangel an Männern aufgrund von Krieg und Repression) - den Männern gleichgestellt und hatten schon immer die Doppelbelastung von Arbeit und Familie.
In der jetzigen Transformationsphase kommt eine Vielzahl von neuen Herausforderungen an die Frauen heran. Die Arbeitslosigkeit oder einfach die nicht mehr geltende Verantwortung des Staates lässt die Männer vermehrt zur Flasche greifen. Häusliche Gewalt ist eine Realität, die aber auf dem Land kein öffentliches Thema darstellt. Wenn Frauen politisch aktiv werden, so sind sie das momentan oft im Rahmen einer Schaffung von zivilgesellschaftlichen Strukturen, z.B. als Soldatenmütter wie damals im Tschetschenienkrieg oder Mütter von Behinderten, die ganz konkret für die Umsetzung einer Heilpädagogischen Einrichtung kämpfen. In diesem Fall haben der Kampf für allgemeine Menschenrechte und demokratische Prozesse zurzeit Vorrang vor einer Emanzipation im westlichen Sinne.
Der andere auf dem Land verbreitete Grund für die Verständnislosigkeit auf unsere Fragen zu Rollenklischees ist das ganz andere Verständnis von Frau und Mann. Die Rollen sollen gar nicht aufbrechen, mindestens nicht ihre positiven Besetzungen, nämlich, dass der Mann galant ist und schleppt, die Frau sich weiblich präsentiert und die Familie zusammenhält, sich dabei aber beschützen lässt. Dass beide arbeiten, ist normal, dass viele Unternehmen von einer Frau geführt werden, ebenfalls - obwohl die einflussreichsten Posten von Männern besetzt sind und in der Politik sehr wenige Frauen präsent sind.
Abgesehen davon, dass in Russland 70 Millionen Facetten zum Thema zwischen Stöckelschuh und Babuschkakopftuch existieren, ist die Rolle der Frau grundsätzlich immer mit dem Wohlstandsniveau der Gesellschaft verknüpft.
Andrea Schild
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