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Die professionelle Mutter Ljudmila Antonovna

Ljudmila mag grosse Familien. Obwohl sie bereits vier eigene Söhne hatte, adoptierte sie noch fünf weitere Kinder nach dem Motto: eins mehr oder weniger spielt auch keine Rolle mehr.




Nastja lebt bereits seit sieben Jahren bei der Familie von Ljudmila. Als sie fünf war, holte sie ihre zukünftige Mama aus dem Kinderheim. Im letzten Oktober kriegte sie noch vier adoptierte Stiefgeschwister hinzu. Im Kinderheim beriet man Ljudmila, die sich auf ein weiteres Kind einstellte, mit ungefähr folgenden Worten: Nimm doch gleich zwei, sie sind Schwestern, oder vielleicht drei; am besten eigentlich vier! Es sind nämlich noch zwei Brüder zu den Schwestern, dann bleiben alle zusammen. Und so entstand die elfköpfige Familie. Die Kinderschar setzt sich wie folgt zusammen:
Witali, 27 –wohnt nicht mehr zu Hause.
Wjatscheslav, 24 - wohnt auch nicht mehr zu Hause, kommt aber oft vorbei.
Andrej, 22 – dient in der Berufsarmee. Er würde es nicht mehr machen, wenn er die Wahl noch einmal hätte. Doch so schlimm wie wir das manchmal aus den Medien hören, sei es nicht. An den Wochenenden kommt er nach Hause.
Anatoli, 19 - macht eine Ausbildung zum Tänzer und tanzt in einem folkloristischen Ensemble. Demnächst geht auch er zur Armee, aber - und das ist der Grund, warum er freiwillig hingeht - in die Tanzabteilung.
Wladimir und Anastasja, 12
Aleksandr, 11
Jelena, 9
Walentina, 7
Die Jungs bereiten ihrer Mutter Sorgen, weil sie überhaupt kein Interesse an der Schule zeigen. „Wozu soll das Lernen gut sein, wenn ich Chauffeur werden will?“ fragt Wladimir, wenn man ihn tadelt. Die Mädchen hingegen seien sehr anständig, hilfsbereit und lernlustig.

Wer jetzt Mühe hat, sich erstens neun Kindernamen zu merken und zweitens auch noch ungewohnte russische, dem sei noch gesagt, dass in Russland kaum jemand beim Vornamen genannt wird. Entweder siezt man sich und spricht sich bei Vornamen und Vatersnamen an, so wie Ljudmila Antonovna. Oder man ist befreundet und nennt sich beim Kosenamen. Für Kinder gilt das sowieso und deshalb noch einmal alle Kindernamen in ihrer Kurzform, angefangen beim Ältesten: Witja, Slawa, Andrjuscha, Tolja, Wowa und Nastja, Sascha, Aljona und Walja. Die eigentlichen Kosenamen lassen sich noch beliebig erweitern, z.B. Waljenka, Waljuschka, Slavik, Toljenka etc. Und nur, um eventuelle Klarheiten endgültig auszuräumen, sei noch angemerkt, dass Nastja eigentlich Nadjeschda heisst, was mit Nadja abgekürzt würde. Aber als Symbol für ihr neues Zuhause und das damit verbundene neue Leben wollte Nadja bereits mit fünf Jahren Nastja genannt werden.




Ljudmila stammt aus Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens, ist aber bereits 1987 nach Tarussa übergesiedelt. Das Zerwürfnis zwischen Russen und Tschetschenen ist ihr in unguter Erinnerung. Sie erzählt, dass man die „Ihrigen“, also die Russen, rausjagte und eine unabhängige Republik gründen wollte. Grosny, das urbane Zentrum der Bergregion, war bis dahin mehrheitlich von Russen und Russinnen bewohnt. Es gab weder eine Moschee, noch sonstige Anzeichen dafür, dass man sich nicht in Russland, bzw. der Sowjetunion befand. Als aber die Leute aus den Bergdörfern in die Stadt strömten und begannen, im Namen des Islam Unruhe zu stiften, wurde es gefährlich für die russische Bevölkerung. Ljudmila ist offensichtlich enttäuscht von den „Bergbewohnern“ (gorzi), wie sie die Tschetschenen in einem allgemein verwendeten russischen Ausdruck nennt; obwohl ihr Cousin von den Russen im Krieg erschossen wurde, weil er auf dem Velo nicht anhielt, als man ihm zurief und er es nicht hörte. Tschetschenien ist nach wie vor eine russische Republik, die aber unter dem äusserst umstrittenen Ramsan Kadyrow weitgehend im Alleingang regiert wird.
Da sie nun schon über zwanzig Jahre in Tarussa lebt, fühlt sie sich hier heimisch und schwärmt von den Sommermonaten, die man draussen im Freien verbringen kann. Obwohl die Familie ein recht grosses Haus hat, hätte sie gerne noch mehr Platz. Sobald es warm wird, gehen Ljudmila und ihr Mann mit den Kindern an den Fluss und in den Garten, den sie bepflanzen. Die Familie erhält von RADUGA Lebensmittelpakete. Mit der Hilfe von RADUGA konnte Ljudmila auch schon in die nächst grössere Stadt, Serpuchov, fahren, um dort in einem Liquidationsladen (bei uns etwa bekannt unter „Ottos Warenposten“) Kinderkleider zu kaufen. Finanziell unterstützt wird sie aber vom Staat mit Extrakindergeld. Viel Zeit für sich selbst bleibt Ljuda nicht, doch sie beklagt sich nicht. Nach ihrem Beruf gefragt, antwortet sie: „Ich bin professionelle Mutter!“ Wie könnte man generell etwas entgegen, und in ihrem Fall gibt es wirklich keine passendere Antwort!

Andrea Schild


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Reise in den russischen Sommer 2010

Erleben Sie mit uns eine Reise in die russische Provinz! Wir offerieren Ihnen erneut einen einwöchigen Einblick in die russische Seele in Tarussa und Umgebung im Juli 2010. Gleichzeitig haben Sie die Gelegenheit, unsere Stiftungsarbeit vor Ort kennenzulernen.