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Meine russische Familie

Die vielgeliebten und vielbesungenen Birken, Russlands Wahrzeichen, zeigen ihr frischestes Grün, überall blüht der Flieder, die Tscheriomucha, auf Deutsch Traubenkirsche, ein den Russen ebenfalls sehr lieber Strauch und ein ersehntes Frühlingssymbol, ist bereits verblüht, und auch die Nachtigall lässt sich nur noch selten hören – der Frühling war wahrhaft früh dieses Jahr, aber nach dem harten Winter besonders freudig empfangen.


Die Sonne lockt die Menschen ins Freie, sommerlich gekleidete junge Mädchen schlendern Arm in Arm, Mütter spazieren mit Kindern, auf den Bänklein vor den recht trostlosen Mehrfamilienhäusern sitzen wieder die alten Frauen und geniessen die Wärme. Aus ihren winzigen Wohnungen, drei oder vier auf jedem Stockwerk, sind sie gekommen, in Badezimmern, wo die Badewanne und ein Lavabo mit Schwenkhahn und im besten Fall noch ein kleines Regal den gesamten Raum einnehmen, haben sie sich schön gemacht, vielleicht sogar ohne warmes Wasser – wie bringen sie es nur fertig, so hübsch auszusehen, wo haben sie ihre Blusen so sauber gewaschen, ihre Schuhe so blank geputzt?


Ljuba, die jüngere Schwester eines unserer „Sorgenkinder“, der epilepsiekranken Katja, hat sich eben schön gemacht, um ihren Freund zu treffen. Reizend sieht sie aus, in ihrem kurzen Kleidchen, das dichte blonde Haar hochgesteckt. Als käme sie soeben aus einem Schönheitssalon mit Modeberatung. Das tut sie aber nicht. Sie kommt aus dem Badezimmer mit der oben geschilderten Standardeinrichtung. Ljuba schläft im Wohnzimmer auf dem Sofa, damit ihre Mutter Nina mit Katja das Zimmer teilen und mir ihr eigenes Schlafzimmer abtreten kann, während ich in Tarussa weile. Aller Protest meinerseits nützte nichts, die kleine Familie hat es so beschlossen und will es so haben.


Nina geht früh zur Arbeit, ich darf mir in ihrer blitzsauberen Küche mein Frühstück machen, und da alles an seinem Platz ist, finde ich mich gut zurecht. Vielleicht hat Nina mir sogar etwas Besonderes bereitgestellt, bevor sie die Wohnung verliess – Wareniki etwa, kleine Quarkküchlein, oder zwei halbe harte Eier, jede Hälfte liebevoll mit einem Häufchen Mayonnaise garniert. Während ich frühstücke, den sehr geselligen Kater Wassja auf einem Hocker neben mir, kommt Katja in die Küche. Sie ist inzwischen 26, aber die häufigen Anfälle haben ihre Spuren hinterlassen. Man kann sich zwar mit ihr recht gut unterhalten, und auch für ein Witzchen ist sie ab und zu zu haben, aber plötzlich überkommt sie eine Art Trotz, und dann ist kein Kontakt mehr möglich. Arme Katja. Ich beschliesse, meine Freundin Olga, die in Tarussa eine Tagesstätte für behinderte Kinder leitet, zu fragen, ob sie nicht bereit wäre, sich Katja anzusehen und Mutter Nina, die alle Hoffnung verloren hat, zu beraten, wie man Katja zumindest ein wenig beschäftigen könnte.


Nach einem erfüllten Tag voll von allerhand Erlebnissen und vielen lieben Begegnungen komme ich in die Wohnung zurück. Nina hat etwas gekocht, einfach, aber sehr gut, und immer gibt es Rohkost, Gurken, Tomaten, Dill, und nach dem Essen natürlich den obligaten Tee. Wir unterhalten uns, sie erzählt aus ihrem Leben, das nie leicht war und es auch jetzt nicht ist. Mit ihrem Mann hatte sie kein Glück, sie hat zwar mit ihm Kontakt und er besucht sie ab und zu, aber da er sein eigenes Leben nie richtig in den Griff bekommen hat, kann er ihr nicht helfen. So muss sie es allein schaffen. Ljuba, zwar noch in Ausbildung, verdient gleichzeitig bereits ein wenig und kann so einen kleinen Beitrag an die Lebenskosten leisten. Aber für irgendwelchen Luxus reicht es nicht. Oder vielleicht doch? Nina hat einen Luxus! In ihrer Wohnung grünt und blüht es überall. Sie hat eine gute Hand mit Pflanzen. Und heute hat sie auf dem Markt Pflänzchen kaufen können – ein ganzes kleines Kästchen voll für sage und schreibe nur 20 Rubel, weniger als einen Franken! Das hat sie sich geleistet. Sie zeigt mir das Kästchen und freut sich kindlich.

Ich bin heimisch geworden bei Nina, Katja und Ljuba und dem Kater Wassja. Eine tapfere kleine russische Familie, die aus ihrem engen, bedrängten Leben das Beste macht und trotz aller Beschwernisse, trotz aller Existenzsorgen immer wieder Gründe zu Freude findet. Wie Hunderttausende anderer russischer Familien. Wir verabreden, dass ich nächstes Mal wieder bei ihnen wohnen darf. Ich freue mich darauf.

Monica Chappuis


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Reise in den russischen Sommer 2010

Erleben Sie mit uns eine Reise in die russische Provinz! Wir offerieren Ihnen erneut einen einwöchigen Einblick in die russische Seele in Tarussa und Umgebung im Juli 2010. Gleichzeitig haben Sie die Gelegenheit, unsere Stiftungsarbeit vor Ort kennenzulernen.