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Und so sieht Nina Sergejewna selbst ihr Leben |
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Ich heisse Nina, geboren und aufgewachsen bin ich im kleinen Städtchen mit dem schönen Namen Tarussa. Mein Leben unterschied sich in nichts vom Leben anderer. Zuerst Kindergarten, dann Schule, dann Fabrikarbeit. Dort lernte ich gut Nähen, aber es hielt mich nicht am Ort, und ich reiste im Auftrag des Komsomol nach Norden, wo wir eine Gasleitung legten.
Dort lernte ich auch meinen zukünftigen Mann kennen, wir feierten Hochzeit. Und dann, wie es so geht, kam unser Töchterchen Katjuscha zur Welt. Aber die Bedingungen im Norden waren für ein kleines Kind nicht günstig, und so kehrten wir nach Tarussa zurück.
In Tarussa herrschte gerade eine rege Bautätigkeit, und so fanden mein Mann und ich Arbeit auf dem Bau. Katja ging in den Kindergarten. Und alles wäre gut gewesen, wenn Katja nicht eines Tages frühmorgens einen epileptischen Anfall gehabt hätte. Ich wusste damals noch nicht, was Epilepsie ist, und dachte nur, mein Kind werde sterben. Aber der Anfall ging vorüber, und Katja schlief wieder ein.
In der Folge veränderte mein Leben sich vollständig. Nach einiger Zeit wurden die Anfälle häufiger. Ich ging von einem Arzt zum anderen. Und die Ärzte stellten die schreckliche Diagnose: Epilepsie. Katja war nicht mehr einfach ein Kind, sie war ein behindertes Kind. Täglich musste sie eine Menge Tabletten einnehmen. Die Tabletten bekamen wir kostenlos, aber ab und zu mussten wir sie doch selbst bezahlen. Es war sehr schwer. Wieder suchte ich Ärzte auf, wollte Katja so gerne heilen, aber die Ärzte waren selber hilflos.
Nach Katjas Erkrankung bekam ich den Wunsch, ein zweites Kind zu bekommen. Meine Verwandten billigten diesen Wunsch nicht, aber ich gebar, auf eigene Verantwortung, zu meinem grossen Glück ein Mädchen, das ich Ljubow nannte. Und so lebten wir nun. Da ich auf dem Bau arbeitete, gelang es mir, eine geräumige Dreizimmerwohnung zu bekommen. Aber dann wurde ich von der Arbeit entlassen. Katjas Krankheit wurde schlimmer. Sie blieb in der Entwicklung zurück und brauchte Pflege. Sie erhielt zwar eine Rente, aber mein Mann verdiente wenig und begann überdies zu trinken. Ich musste mich scheiden lassen, und wir blieben zu dritt zurück. Der Geldmangel war katastrophal, aber da hatte ich das Glück, Arbeit bei der Post zu finden. Ich wurde Briefträgerin. Nun musste ich Katja allein zuhause zurücklassen, während ich die Post austrug. Der Lohn war sehr gering, 2000 Rubel.
Wir hatten es natürlich sehr schwer, bis ich Jörg kennenlernte. Ich wandte mich an ihn mit der Bitte, mir dabei behilflich zu sein, Katja eine Behandlung zu ermöglichen. Und Jörg lehnte nicht ab. Er brachte mich mit Katja zur Untersuchung. Und eines Tages fragte er mich, ob ich nicht nähen könne. Ich antwortete, dass ich nähe und sogar eine Nähmaschine besitze. Und so begann ich bei Jörg zu arbeiten. Das Leben wurde mit einem Mal viel leichter. Zum einen ist es für mich ein grosses Plus, dass ich zuhause arbeite und nicht längere Zeit hintereinander abwesend sein muss wie früher, weil ich ja damals nebst der Postarbeit noch Nebenarbeiten verrichtete. Ich bin Jörg unendlich dankbar für diese Arbeit, und überhaupt für die Sorge und die Hilfe, die er uns erweist.
Letztes Jahr half Jörg, Katja ins Institut für Epilepsie in Moskau einzuweisen. Ohne ihn wäre das kaum möglich gewesen, da Katja wegen der sehr häufigen Anfälle nicht mehr mit dem Autobus reisen kann. Die Anfälle kommen bis dreimal täglich. Aber Jörg brachte uns mit dem Auto bis zum Krankenhaus. Dort sagte man uns, dass Katja an der schwierigsten Form von Epilepsie leide. Eine Heilung sei unmöglich, aber man könne Katjas Leiden mit Medikamenten ein wenig lindern. Leider sind diese Medikamente ausserordentlich teuer. Und obgleich Katja alle Medikamente eigentlich kostenlos erhalten sollte, da sie der 1. Invaliditätsgruppe angehört, erhalten wir sie nicht gratis. Jörg und die Stiftung RADUGA erwiesen mir materielle Hilfe, und fast ein halbes Jahr lang nahm Katja die nötigen Medikamente ein.
Aber dann sagten die Ärzte, die Dosis müsse von einer Tablette täglich auf anderthalb Tabletten erhöht werden. Wenn ich früher eine Packung zu 2000 Rubel kaufen musste, so muss ich nun zwei kaufen und 4000 Rubel bezahlen. Das ist sehr viel! So mussten wir auf diese Medikamente verzichten. Nun nimmt Katja nur noch die Medikamente ein, die sie kostenlos erhält. Schon an zwei Stellen mussten bei ihr Kopfwunden genäht werden, sie spürt es nicht, wenn ein Anfall bevorsteht, und fällt unerwartet um. Es tut furchtbar weh, das Leiden seines Kindes mit anschauen zu müssen. Früher ging Katja sehr gern spazieren, heute geht sie nur selten auf die Strasse, sie ist nun erwachsen und schämt sich ihrer Anfälle.
Katja ist schon 20, Ljubaschka 15. Und wenn sich früher alle meine Gedanken um Katjas Gesundheit drehten, so muss ich nun auch an Ljuba denken. Bald schon kommt sie aus der Schule, und ich muss unbedingt dafür besorgt sein, dass sie eine genügende Ausbildung erhält, damit sie einmal einen guten Beruf ausüben kann. Denn nach meinem Tod wird Ljubaschka für ihre Schwester sorgen müssen.
Das ist alles, was ich über meine Familie erzählen wollte. Ich bin der Stiftung RADUGA TARUSSKAJA und besonders Jörg dankbar für ihre Sorge und Hilfsbereitschaft. Er streckt immer seine helfende Hand aus, und es ist so gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die das Leid ihrer Mitmenschen tragen helfen. Allen ein riesengrosses Dankeschön!
Und ein ebenso grosses Dankeschön möchte ich Yvonne sagen. In den zwei Monaten, die sie bei uns gewohnt hat, haben wir sie sehr lieb gewonnen. Yvonne hat uns im Gemüsegarten geholfen, hat Kartoffeln ausgegraben, und was die Hauptsache ist, sie hat uns im Gemüsegarten ein Häuschen gebaut. Von einem solchen haben die Kinder und ich so sehr geträumt! Es ist weit zu gehen bis zum Gemüsegarten, und Katja wurde jeweils sehr müde, nun kann sie in dem Häuschen ausruhen, während Ljuba und ich arbeiten. Es ist so schön, wenn wenigstens einige Träume sich erfüllen. Nun werden wir jedes Mal, wenn wir zum Gemüsegarten kommen und in das Häuschen gehen, sagen: Vielen Dank, Yvonne!
Nina Sergejewna Anissimowa
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