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Leben in bitterster Armut |
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„Das Schicksal kann grausam sein“, meinte unsere Sozialpädagoin Lidija Jewgenjewna, als wir die Wohnung der Familie Ustinow in Tarussa verliessen. Das Treffen hat uns beide tief berührt und machte uns wieder einmal deutlich, wie viele Menschen um uns herum nicht leben, sondern nur noch existieren. Die Wichtigkeit unserer Arbeit wurde uns soeben wieder vor Augen geführt. Diese Menschen brauchen uns und unsere Hilfeleistungen.
In dieser Wohnung an der Marina Zwetajewa-Strasse leben drei Rentenempfänger, die pensionierte Mutter und ihre beiden behinderten Söhne. Der ältere der beiden ist 26 Jahre alt und leidet seit mehreren Jahren an Tuberkulose. Vor zwei Monaten konnte er nach fünf Jahren endlich das Spital verlassen. Das Resultat ist ein ausgemergelter junger Mann, der mehrere Operationen an beiden Lungen hinter sich hat.
Der jüngere erlitt vor zwei Jahren bei einem Autounfall, bei dem er angefahren wurde, bleibende Schäden. Seitdem hat er Probleme mit den Beinen und mit den Augen. Die verwitwete Mutter, die sich liebevoll um die beiden kümmert, pflegt daneben noch ihre eigene Mutter, die in einem Dorf in der Region wohnt. Dies sei auch der Grund, sagt sie, wieso sie überhaupt keiner Tätigkeit nachgehen könne. Sie könne die drei nicht alleine lassen, da sie auf ständige Hilfe angewiesen seien.
So lebt die Familie an der Marina Zwetajewa-Strasse. Ihren Lebensunterhalt müssen die drei aus den Renten bestreiten, die sie erhalten. Zusammen kommen sie pro Monat auf 3430 Rubel (93 Euro). Für die Wohnung zahlen sie 49 Euro! Was zum Leben übrigbleibt, reicht nicht einmal für eine normale Ernährung. Der Hunger ist allen anzusehen. Wenn die Mittel nicht einmal für die Nahrung ausreichen, kann man sich ausdenken, wie es mit den Kleidern, Hygieneartikeln usw. steht. Der Kampf ums Überleben ist hier der Alltag.
Beim Abschied fragte mich der ältere Sohn, ob wir vielleicht einen alten Computer hätten. Er suche für sich irgendeine Beschäftigung. Vielleicht könnte er damit in Zukunft auch ein paar Rubel verdienen. Dies sei in Anbetracht seiner Lungen seine einzige Chance.
In Europa werden alte Computer entsorgt, und hier würden sie einem jungen Mann einen Lebensinhalt geben. Versprechen konnten wir ihm nichts, aber wir werden alles versuchen, für ihn etwas zu finden.
Jörg Duss
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