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Vom Plattenbau in den Anker

Nach zwei Wochen in Tarussa fühle ich mich schon wieder wie zu Hause in der Plattenbauwohnung meiner Gastfamilie. Da heute die Sonne scheint und es einigermassen warm ist, bietet sich ein Spaziergang ins Zentrum von Tarussa an. Was es auf dem ca. 20minütigen Weg so alles zu sehen gibt, erfahren Sie in nachfolgender Fotostory.

Der obere, neuere Teil von Tarussa besteht praktisch ausschliesslich aus solchen Plattenbauten. Diese 4-5stöckigen Bauten wurden anfangs der 90er Jahre gebaut. Um die 50 solcher gleich aussehenden Blöcke stehen, umrahmt von einem Birkenwald und zersetzt durch viele Grünanlagen und Spielplätze, in diesem Stadtteil.




Mit den vielen Plattenbauten haben sich natürlich auch Geschäfte angesiedelt. Diese Einkaufsstrasse ist bis jetzt jedes Jahr, wenn ich nach Tarussa gekommen bin, ein wenig länger geworden. Neben den dominierenden Lebensmittelläden gibt es hier einen Coiffeur, eine Apotheke und einen Internetclub. Meine Gastmutter weiss genau, was in welchem Geschäft wie viel kostet. Daher führt auch der kleinste Einkauf meistens in 5-6 Läden.


Aus der Plattenbausiedlung hinaus geht es die lange Leninstrasse hinunter Richtung Zentrum. Dabei bewundere ich jedes Mal aufs Neue das schönste Haus Tarussas, das leider langsam zerfällt. Auf den Paletten vor dem Haus liegen übrigens Steine, mit denen das neue Trottoir gepflastert wird. Die Einheimischen sind ganz stolz darauf und sehen das als Schritt vom Provinzstädtchen zur zivilisierten Kleinstadt.


Noch immer auf der Leninstrasse begegne ich Olga, mit der ich letztes Jahr auf der Baustelle der neuen Medizinstation gearbeitet habe, die RADUGA für das Sommercamp Witjas gebaut hat. Sie ist eigentlich Pädagogin, arbeitet aber auch noch in Moskau als Haushälterin einer reichen Familie. Da es Herbst ist und kein Russe an einem Pilz vorbeigeht, hat sie mir vorgeschlagen mit ihr und ihrer Mutter sammeln zu gehen.


Den letzten Abhang hinunter führt die Leninstrasse schliesslich auf den grossen Platz mit der Peter-Paul Kirche, welche letztes Jahr renoviert wurde und jetzt wieder in schönstem Weiss erstrahlt. Auch die alten Häuser rund um den Platz wurden frisch gestrichen und sogar ein Springbrunnen platziert. Tarussa wird für die Sommertouristen aus Moskau herausgeputzt.


Hinter der Kirche spaziere ich durch den schönen Park der direkt oberhalb des Flusses Oka liegt. Von hier aus hat man eine wunderschöne Aussieht auf den Fluss und die dahinter liegende unberührte Landschaft. Wenn ich das Schiff am Bootssteg sehe, kommt mir in den Sinn, dass ich schon immer eine Fahrt auf dem Fluss machen wollte. Das werde ich nachholen, wenn mein Hafen kommt.


Mein Spaziergang endet im Anker, dem grössten Restaurant und Hotel in Tarussa. Am Wochenende verwandelt sich der Esssaal in eine Disco und zu schwer ertragbarer Musik servieren leicht unfreundliche Kellnerinnen der Dorfjugend vielfarbige Drinks. Aber einstweilen ist es ruhig im Anker; ich trinke einen Tee mit Zitrone und stelle den Berg Zucker zur Seite, den man hier üblicherweise hineinrührt. Laufe ich über die Schmitta zurück oder noch mal über die Lenina oder soll ich gar ein Taxi nehmen, das man sich hier bei den 2.- Fr. für die Heimfahrt leisten kann?

Berno Z'Brun


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