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Monatsbericht April 2005

Anfang April kam es zum erwarteten Anstieg der Oka. Die ebenfalls erwarteten Überschwemmungen blieben jedoch zum Glück aus. Der Anstieg des Wasserspiegels um lediglich ca. 8m verursacht noch keine Schäden. In der zweiten Hälfte des Monats war das Wetter April-würdig. Wechselhaft und unbeständig sind wohl die besten Ausdrücke dafür. Die letzten Apriltage

kündeten dann aber die bevorstehende Gartensaison an. Die ersten Gräser spriessen; bei den Bäumen dauert es wohl noch eine Woche, bis dann auch dort die Blätter hervorkommen.

Hinter uns liegt ein turbulenter Monat. Ein grosser Teil der Arbeit stand mit dem Errichten des Muster-Elementhauses nach Schweizer Technologie in Zusammenhang. In einer bald folgenden Reportage erhalten Sie detaillierten Einblick in diese Arbeiten.

Parallel dazu war unsere Sozialpädagogin Lidija Jewgenjewna nur damit beschäftigt, den bei uns eingehenden Hilferufen nachzugehen und genaue Abklärungen vorzunehmen. Bei den täglichen Besprechungen, wo sie uns die Fälle erläutert, stellt sich manchmal ein Gefühl der Ohnmacht ein. Wir spüren, dass wir unsere Grenzen, und zwar physisch wie auch materiell, erreicht haben.

Unter diesem Gesichtspunkt konzentrieren wir uns auf die absoluten Härtefälle. Ein solcher war die 32jährige Tatjana. Diese Mutter von zwei Kindern lebt notgedrungen bei einem Bekannten in einer kleinen Wohnung. Ihre Kinder kamen vor zwei Jahren ins Kinderheim, da sie nicht mehr in der Lage war, ausreichend für sie zu sorgen. Ihre Wohnsituation entstand dadurch, dass sie durch einen Brand ihre eigene Wohnung verlor und so auf der Strasse stand. Der um einige Jahre ältere Bekannte nahm sie bei sich auf. Am Anfang sei alles noch recht harmonisch gewesen, doch in letzter Zeit trinke er sehr viel, und in angetrunkenem Zustand „vergesse“ er sich öfters.


Die krankheitsbedingten Beschwerden dieser Frau hindern sie daran, irgendeiner Arbeit nachzugehen. Eine genau Diagnose hat sie nicht für ihre Krankheit. Beim letzten Arztbesuch im Bezirksspital pumpte man ihr Wasser aus dem Bauch. Die Ärzte rieten ihr, sich im Gebietsspital genauer untersuchen zu lassen, da auf dem Lande diese Möglichkeit leider nicht besteht. Diesem guten Rat konnte Tatjana bis heute keine Folge leisten, aus dem einfachen Grund, dass sie das Busbillet von 100 Rubeln hin und zurück nicht bezahlen kann.

Was sie überhaupt leisten kann, ist auch für uns mehr als fraglich. Eine Chance auf Arbeit hat sie nicht. Früher, als sie körperlich noch „fit“ war, verhinderte ihr Wasserbauch, der nach einer Schwangerschaft aussieht, jegliche Anstellung. Bei verschiedenen Vorstellungsgesprächen musste sie davon Kenntnis nehmen. Heute hat sie die Kraft gar nicht mehr, überhaupt bis zu einem Vorstellungsgespräch zu gelangen. Die Schmerzen in den Beinen sind so unerträglich geworden, dass sie kaum noch gehen kann.

Auf Grund der Tatsache, dass Tatjana keine Möglichkeit hatte, ihre Krankheit diagnostizieren zu lassen, verlor sie auch jeden Anspruch auf eine Invalidenrente. So hat die junge Frau keinerlei Einkommen. Auf die Frage, wovon sie den lebe, antwortete sie mir, dass sie anfänglich noch 270 Rubel für die Kinder bekommen habe, doch heute sei sie finanziell auf den guten Willen ihres Bekannten angewiesen.

RADUGA übernimmt jetzt die Fahrtkosten ins Gebietsspital, damit Tatjana sich einer ordentlichen Untersuchung unterziehen kann. Sobald ihre Krankheit diagnostiziert ist, müssen wir in einem weiteren Schritt alles in die Wege leiten, damit die junge Frau wenigstens die ihr zustehende Invalidenrente bekommt. In der ersten Zeit helfen wir ebenfalls mit den am dringendsten benötigten Medikamenten. Denn vom Antrag bis zum Erhalt der Rente dauert es immer eine Weile.

Mit dem Frühlingsbeginn beginnt in diesem Jahr für diese junge Frau auch ein neuer Lebensabschnitt. Es soll ein geregelteres Leben mit einer gewissen Stabilität werden. Wie sehr wünscht sie sich nur, am Morgen aufzustehen und zu wissen, dass in der Küche ein Stück Brot liegt, das ihr das Hungergefühl erspart. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um Tatjana und auch den vielen anderen, die in der gleichen oder einer ähnlichen Situation sind, aus diesem Teufelskreis herauszuhelfen. Dank Ihrer Unterstützung kann dies Wirklichkeit werden!

Mit freundlichen Grüssen
Jörg Duss


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