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Monatsbericht Oktober 2006 |
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Am 15. Oktober hat es das erste Mal „symbolisch“ in Tarussa leicht geschneit. Nach einem alten russischen Sprichwort bleibe aber erst der dritte Schnee, hört man die Einheimischen sagen. Ende Oktober beglückte uns Frau Holle
mit einer Schneedecke von ca. 10 cm. Diejenigen Autofahrer, welche mit Sommerpneus unterwegs waren, hatten bei den ungepflügten Strassen so ihre Probleme!
Anfang Oktober traf bei uns Monica Chappuis, die Präsidentin der Stiftung, zu einem Arbeitsbesuch ein. Im nachfolgenden Bericht erhalten Sie darüber einen kleinen Einblick.
Goldener Herbst
Der goldene Herbst in Tarussa! Ungewöhnlich spät – noch in den ersten Oktobertagen leuchten die Bäume rot und golden; andere Jahre gibt es um diese Zeit bereits Minusgrade und Schnee. Alles freut sich der letzten, wirklich wärmenden und erhellenden Sonnenstrahlen.
Auch sonst ist dieser Tarussa-Aufenthalt geprägt von vielen positiven Ereignissen. Von einem möchte ich Ihnen erzählen.
Wir sind eingeladen zur Feier des 30. Geburtstags der Dorfschule Lopatino. Zuerst wird uns ein kleines Programm geboten, durch das uns zwei Schüler mit liebevoll-witzigen Texten führen: Ein kleiner, ebenfalls von Schülern gespielter Sketch, Lieder, Tänze, kleine Ansprachen gegenwärtiger und ehemaliger Lehrerinnen. Ja – Lehrerinnen: Es sind fast ausnahmslos Frauen. Und es ist zu spüren, dass die Lehrerin hier noch eine Funktion hat, die bei uns wohl nur noch ganz selten zu finden ist: Sie ist fast wie eine Art Mutter, so wie die Schule fast wie eine Art zweites Heim ist. Und die meisten Kinder haben das bitter nötig: Wie oft fehlt die Mutter zuhause, im wörtlichen oder auch im übertragenen Sinn, wie oft ist das Heim kein Heim.
Am Schluss dieses kleinen Festaktes erhalten wir alle einen kleinen Strauss Herbstastern aus dem Schulgarten. Und dann werden die Erwachsenen, Lehrer und Gäste, zu Tisch gebeten. Er ist nach russischer Art bedeckt mit einer Unzahl kleiner Schüsseln und Schalen: Kartoffelstock, einige Fleisch- und Fischstücke, viele köstliche Salate. Dazwischen Blumenvasen, Krüge mit hausgemachtem Obstsaft, und eine Flasche Wodka darf natürlich auch nicht fehlen. Es muss doch angestossen werden! Wie oft lassen westliche Besucher sich vom russischen Tisch, der ihnen geboten wird, täuschen!
Wie oft meinen sie, dahinter Reichtum und Überfluss erraten zu können – fast etwas verärgert darüber, dass es den Russen ja offenbar viel besser geht, als man es ihnen vorausgesagt hat? Oh nein, das ist kein Ausdruck von Reichtum und Überfluss. Die Russen haben alles aufgetischt, was sie haben. Sie haben ihr Gemüsegärtlein geplündert, ihren Geldbeutel geleert. Sie haben viele, viele Stunden lang in der Küche gestanden, um das Allerbeste aus den Zutaten zu machen. Wir wissen nicht, was sie morgen essen werden. Aber die Gäste sollen es heute gut haben, und die Gastgeber mit ihnen zusammen fröhlich sein!
So lautet denn auch der Kehrreim eines Liedes, das alle zusammen singen: „Wie schön, dass wir heute alle hier versammelt sind!“ Ja, das ist schön! Das ist in Russland immer schön! Und das wird gebührend gefeiert! So fehlt auch das Akkordeon nicht, von einer Musiklehrerin meisterhaft gespielt, es wird gesungen und getanzt, und beim Tanzen zeigen nicht nur junge, sondern auch recht ältliche und recht beleibte Lehrerinnen plötzlich eine jugendliche Geschmeidigkeit und eine Anmut, wie ich sie nur bei Russinnen erlebt habe.
Auch die in Russland üblichen Trinksprüche und kleinen Reden fehlen nicht, viele Lehrerinnen sprechen mit herzlicher Wärme und Einfühlung von ihren Schülern und erzählen kleine Anekdoten von „Ehemaligen“, die von grosser Vertrautheit zwischen Schüler und Lehrerin zeugen. Am unvergesslichsten aber bleibt mir der ganz unerwartete kleine Trinkspruch einer nicht mehr jungen Lehrerin: „Ich möchte Euch alle auffordern: Verbreitet Liebe und Zärtlichkeit! Nicht nur bei Euren Nächsten – bei allen, überall! Liebe ist so wichtig im Leben!“
Ja, Liebe braucht dieses Land, Liebe brauchen seine Bewohner. Liebe brauchen wir wohl alle. Ich denke, RADUGA, unser Regenbogen, bringt auch Liebe nach Tarussa!
Monica Chappuis
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