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Monatsbericht August 2007 |
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Ein Jahr der Überraschungen! Im Juli hatte ich, auf Grund meiner langjährigen Erfahrung hier in Russland, die Badesaison bereits abgeschrieben. Doch siehe da, bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius, und das über mehrere Tage, erwärmte sich das Wasser in der Oka wieder so weit,
dass selbst die Jüngsten mit Vergnügen die unerwartete verlängerte Badesaison genossen.
In diesem Jahr, das wohl bei den Gartenbesitzern als das Apfeljahr eingehen wird, wusste so mancher schon nicht mehr wohin mit all dem Apfelsegen! Apfelmus, gedörrte Äpfel, Apfelsaft und sogar Apfelwein wurden produziert. Die Obstmenge war überhaupt kein Problem, aber die Tara dann schon eher! Viele wussten einfach nicht mehr, wohin sie all die Köstlichkeiten noch abfüllen sollten.
Den Monat August nutzen viele Russen, um noch einmal kurz Ferien zu machen. Insbesondere betrifft dies Familien mit schulpflichtigen Kindern. Denn am 1.September ist es dann im ganzen Land soweit: Erster offizieller Schultag. Dieser Tag, der in Russland wie ein Feiertag begangen wird, macht vielen ländlichen Familien Kummer. Einheitsuniform, Schulhefte, Schulbücher, Rucksack, Schreibmaterial usw. müssen für das Kind bereitgestellt werden. Diese in ihrer Gesamtheit nicht geringen Investitionen sprengen so manches Familienbudget. So organisierte RADUGA auch in diesem Jahr wieder für bedürftige Familien den Einkauf zum Selbstkostenpreis. Dieses kleine Projekt hat sich sehr bewährt und erfreut sich grosser Beliebtheit bei seinen Empfängern. Wie ich in den vergangenen Jahren schon berichtet habe, spart eine Familie auf diese Weise fast bis zu 200%, da leider auf diesen Gütern, die ja unabdingbar sind, enorme Margen den Markt beherrschen.
Am Ende dieses Monats waren unsere Dienste in besonderem Masse gefordert. Eines Morgens machte sich die 13jährige Lena auf zu unserem Stiftungshaus. Man hatte ihr gesagt, sie solle sich doch an RADUGA wenden, dort seien Menschen, die ihr helfen könnten. So stand vor sie mir, ein für sein Alter sehr kleines, schmächtiges Mädchen. Der ängstliche Blick suchte in unserem Büro irgendwo nach Halt, als sie mit ihrer Erzählung anfing.
Sie wisse nicht mehr, was sie machen solle. Ihre allein erziehende Mutter, die 35jährige Swetlana, sei seit Jahren dem Alkohol verfallen. Doch in der letzten Zeit hätten ihre Exzesse noch grössere Ausmasse angenommen. Sie kümmere sich überhaupt nicht mehr um sie und ihren kleineren Bruder. Sergej sei gerade erst 6 Jahre alt geworden. Für das kommende Schuljahr habe sie bis heute keinerlei Schulmaterial, aber am schlimmsten sei der Hunger. Sie und ihr Bruder hätten seit drei Tagen nichts mehr zu essen gehabt!
Auf meine Frage, wo ihr Bruder sei, antwortete sie, er sei alleine zuhause. Die Mutter habe sie seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Mit einem Lebensmittelpaket sowie einigen Frischprodukten vom Markt ging es dann umgehend in die Wohnung. „Wohnung“ ist selbst für russische Verhältnisse noch zu viel gesagt. Möbel standen kaum darin; sie wohl für Alkohol veräussert worden. Der kleine Sergej sass in einem Zimmer am Boden und spielte mit einem kleinen Lastwagen. Sie werde für sich und ihn jetzt gleich etwas kochen, hörte ich hinter mir aus der Küche Lena rufen.
Ich wartete nicht mehr, bis die beiden gegessen hatten, sondern machte mich sofort auf den Weg zum Jugendamt, wo dann innert zwei Tagen alle Formalitäten erledigt wurden, um der Mutter das Sorgerecht zu entziehen. Beide Kinder befinden sich jetzt in einem uns gut bekannten Kinderheim, wo sie nun erstmals Anfang September einen geregelten Schultag erleben dürfen. Sollte sich die Situation zuhause zum Besseren verändern, steht einer Rückkehr der Kinder nichts im Wege. Doch bis dahin sollen sie ein menschenwürdiges Dasein leben dürfen, mit liebevoller Betreuung und mit mehreren Mahlzeiten am Tag.
Jörg Duss
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