Als Winter würde ich das nicht bezeichnen, was sich jetzt vor meinem Fenster abspielt. Das Thermometer zeigt Werte über 0°C, die Strassen sind in kleine Bäche verwandelt, der Schnee, der noch zu Anfang des Monats die Landschaft in eine weisse Pracht verwandelte,
ist heute braun, wo er überhaupt noch vorhanden ist. Die Definition Vorfrühling würde hier schon eher passen, unter Winter verstehen speziell die Russen etwas anderes!
Die Arbeiten im Februar begannen dort, wo sie im Januar aufgehört haben. Das Lager Witjas mit dem Bau der Sanitätsstelle stand weiter zu oberst auf der Traktandenliste. Vor Ort waren vier Arbeiter damit beschäftigt, das bis zu diesem Zeitpunkt vorhandene Material einzubauen. Bis in einem Monat wird das Dach eingedeckt sowie die gesamte Aussenverschalung montiert sein. Dann könnten wir mit den Innenarbeiten wie Sanitär- und Elektroinstallationen, Heizung und dem Innenausbau beginnen. Bis dahin muss es mir aber gelingen, noch die fehlende Restsumme von Euro 12`500.- aufzutreiben!
Im Januar berichtete ich, dass uns die Summe von Euro 31`500.- noch fehle. Durch unsere Bemühungen in Moskau konnten wir zu unserer grossen Freude erstmals auch begüterte Russen von der Wichtigkeit dieses Projektes überzeugen und durften im Endeffekt die stolze Summe von umgerechnet ca. 19`000.- Euro entgegen nehmen. Die ausschliesslich russischen Spender ermöglichten uns so, einen Baustopp im kommenden Monat zu verhindern.
Wichtig ist es jetzt, im Verlaufe des nächsten Monates die Restsumme, oder wenigstens einen Teil davon, zu sammeln, damit wir weiter im Zeitplan bleiben können! Andernfalls kann der gesamte Lagerkomplex im Sommer nicht in Betrieb genommen werden, und das hiesse, dass viele Hundert Kinder nicht in den Genuss von ein Paar Ferienwochen kämen.
Übrigens fand im Februar bereits im wintertauglichen Gebäude ein Lager statt, wo wir vom Staat als Gegenleistung für die Bautätigkeit an der Sanitätsstelle 30 Plätze bekamen, die wir an die bedürftigsten Kinder aus unserem Bezirk weitergaben. Bei einem meiner Besuche im Lager konnte ich einem kleinen Konzert beiwohnen, das diese Kinder einstudiert hatten. Wenn man bedenkt, um was für Kinder es sich handelt, waren die Darbietungen ganz erstaunlich.
Diese Kinder, diesonst kaum die Möglichkeit haben, von zuhause fort zu kommen, benötigen oft professionelle psychologische Betreuung. Aljona, ein kleines Mädchen aus dem Dorfe Lopatino, fiel im Lager sofort dadurch auf, dass es sich, sobald es im Schlafraum war, unter das Bett verkroch. Es stellte sich dann bei verschiedenen Gesprächen heraus, dass sich das Kind zuhause in der Einzimmerwohnung, die es mit Vater und Mutter und sechs Geschwistern teilt, diesen Platz „ergattert“ hat, um sich vor den anderen zurück zu ziehen. Diesen „sicheren“ Ort suchte es deshalb im Lager ebenfalls sogleich auf.
Am Beispiel dieser kleinen Aljona, die leider kein Einzelfall ist, zeigt es sich, wie enorm wichtig die Funktion dieses Lagers Witjas ist. Wir von RADUGA leisten, mit Ihrer Unterstützung, durch den Bau der Sanitätsstelle einen wichtigen Beitrag. Für das Vertrauen und die Unterstützung, die Sie uns entgegenbringen, möchte ich mich wieder einmal herzlich bei Ihnen bedanken!
Mit freundlichen Grüssen
Jörg Duss
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