Ende November, von Schnee aber noch keine Spur. Noch vor ein paar Jahren undenkbar, aber heute ist der Klimawandel leider auch hier in Russland spürbar. Der Winter fängt später an und hört früher auf. Minustemperaturen wären wünschenswert, bedeuten sie doch für uns das Ende des Morastes.
Allzu viel Schnee aber wäre auch nicht nach dem Geschmack des Schreibenden, denn er erschwert die Fahrten zu den Bedürftigen um ein Vielfaches.
Üblicherweise flog ich Anfang Dezember für die Vorträge von RADUGA in die Schweiz. In diesem Jahr beschlossen wir gemeinsam, diese Veranstaltung bereits im November abzuhalten. Dies daher, weil ich ohnehin in der alten Heimat war, wo ich in vier Kirchen von RADUGA berichten durfte.
Vorträge, Informationsveranstaltungen - oder wie auch immer man das bezeichnen mag. Kurz gesagt, ein Rückblick auf das vergangene Jahr. „Kurz gesagt?“ Nun, nach ca. 350 Tagen Aufenthalt in meiner zweiten Heimat ist wohl nichts „kurz gesagt“! Mein Leben hier ist mit so vielen Begegnungen, Ereignissen, Erlebnissen und auch mit so vielen Emotionen verbunden, dass es wohl die schwierigste Aufgabe bei der Vorbereitung auf diese Auftritte ist, sich kurz zu fassen. Man möchte, könnte Stunden erzählen von all den Eindrücken, die einen in den vergangenen Monaten doch so geprägt haben.
90 min., 30 min. je nach Auftritt stehen zu Verfügung. Wie bringe ich alle die wichtigen Informationen übersichtlich verpackt den Menschen näher? Was muss ich weglassen, wo setze ich im Gegenteil Akzente? In diesem Text, dieser virtuellen Welt, sind Wörter wie „weglassen“, „Akzente setzen“ so abstrakt, nicht mehr als aneinander gereihte Buchstaben. In der Realität befindet sich dahinter jedesmal ein menschliches Schicksal. Das Schicksal eines Mensch wie wir, mit Gefühlen, Schmerzen, Traurigkeit, Einsamkeit, oder einfach dem Wunsch nach einem etwas besseren Leben. Da fällt das „Weglassen“ besonders schwer.
Was mir persönlich vor allem am Herzen liegt, ist die Objektivität der Ausführungen. Man soll nichts schönreden, aber auch nichts an den Pranger stellen. Mit der heutigen „Informationsindustrie“ werden wir tagtäglich geradezu im Minutentakt mit Meldungen und Kommentaren konfrontiert. Eine objektive Beurteilung ist nur noch da möglich, wo man etwas selber miterlebt hat. Da dies für die meisten von uns nur selten der Fall ist, sind wir dieser Informationspiraterie hilflos ausgesetzt.
Dies ist mit ein Grund, wieso RADUGA für das nächste Jahr wieder Reisen nach Tarussa plant, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, das wahre Russland selber zu erleben. Hierzu passt vorzüglich das russische Sprichwort:
„Besser einmal gesehen als siebenmal gehört (gelesen) zu haben!“
Mit freundlichen Grüssen
Jörg Duss
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