|
|
 |
 |
 |
Monatsbericht April 2004 |
|
 |
Die Saison beginnt, hörte man oft in der Bevölkerung sagen. Gemeint ist die Gartensaison. In den Häusern stehen auf den Fensterbrettern Setzlinge bereit für die Aussaat. Hauptsächlich Gurken und Tomaten werden liebevoll grossgezogen. Die ersten werden dann gegen Mitte Mai gepflanzt, denn vorher ist die Frostgefahr einfach noch zu gross.
Nach den langen und kalten Nächten spürt man den Drang der Menschen in die freie Natur. Wir hoffen, dass bald die ersten Blätter und Gräser spriessen werden und so die Landschaft in ein herrliches Grün verwandeln.
Betliza ist ein kleines Städtchen ca. 300 km von Tarussa entfernt. In diesem Ort befindet sich ein Internat für behinderte und schulisch schwache Kinder. Mehrere Jugendliche aus Tarussa leben in diesem Internat, dies war auch der Grund, weshalb wir überhaupt von seiner Existenz erfahren haben.
Galina Sergejewna, die Sozialvorsteherin von Tarussa, die sich speziell mit diesen Kindern beschäftigt, erklärte mir, dass dieses Internat eines der ärmsten im Gebiet Kaluga sei. Die Kinder seien sehr schlecht gekleidet. Wir hatten, von der letzten Sammlung her, ein ganzes Zimmer voll Kleider. So beschlossen wir, mit unserem Bus nach Betliza zu fahren.
Je mehr man sich diesem Städchen nähert, fällt einem auf, dass die umliegenden kleinen Dörfer ausgestorben wirken. In einem Dorf sah ich einen alten Mann, der, wie er uns erzählte, als Letzter geblieben war. Wieso dieser Auszug? Der Grund liegt "relativ" weit zurück. Im April 1986, als in Tschernobyl der Reaktor brannte, "regnete" es kurze Zeit später in diesem Gebiet.
Im Städtchen Betliza selber, so scheint es, gehen alle ihrer Wege. Wer konnte, ist weggezogen, doch viele können nirgendwohin gehen. "Was sollen wir machen", fragte mich der junge Direktor des Internates. "Alles, was wir haben, ist hier." Man versucht zu vergessen, zu verdrängen. Die häufigen Krebserkrankungen und die Kinder, die in der örtlichen Entbindungsstation geboren werden, sind jedoch weiterhin Zeugen.
Das Internat selber übertraf dann alles, was ich erwartet hatte. Es herrscht bitterste Armut. Es fehlt an allem und überall. Unsere volle Ladung Kleider kam gerade recht. Für eine gewisse Zeit werden die Kinder wieder einigermassen eingekleidet sein. Auf den Zimmern fällt auf, dass die Kinder keine eigenen privaten Gegenstände besitzen. Die Zahnbürsten verstauen sie unter der Matratze. Kein Schrank, keine Nachttische, nichts. Auf der Heimreise war die Stimmung gedrückt. Ein Gefühl der Leere und Hilflosigkeit erfüllte uns.
Im letzten Monatsbericht schilderte ich Ihnen den tragischen Fall der 32jährigen Tatjana mit ihren drei Mädchen. Darin erzählte ich von ihrer neuen Arbeitsstelle in der Molkerei von Tarussa. Doch wie es im Leben so ist: "Oft kommt es anders, als man denkt." Als sie an einem Montag zur Arbeit gehen wollte, erklärte man ihr, man habe an ihrer Stelle jetzt einen Mann eingestellt! Sie hatte sich so auf die Arbeit gefreut. Die Arbeit, welche ihr doch finanziell wieder etwas Luft geben sollte. Was tun, wie weiter?
Eine andere Arbeit findet sich nicht so schnell, speziell für eine alleinstehende Mutter. Nachtarbeit kommt für sie nicht in Frage, denn wer würde auf die Kinder aufpassen?
"Nähst du?" fragte ich sie bei einem unserer Besuche. "Ja, wieso?" Das Kleiderprojekt war das, woran ich dachte. Mit diesem Kleiderprojekt verfolgen wir ja das Ziel, Menschen für eine gewisse Zeit Stabilität im Leben zu geben, damit sie in Ruhe wieder die richtige Bahn finden können. Diese Projektphilosophie passte hier vortrefflich. Umgehend brachte ich ihr aus unserem Lager verschiedene Stoffballen, zeigte ihr unser Sortiment an Kleidern und erteilte ihr sogleich einen Probeauftrag. Seither näht sie in Heimarbeit für die Stiftung RADUGA Kleider. Ich habe mit ihr einen Arbeitsvertrag für ein Jahr abgeschlossen. In diesem Jahr werden wir versuchen, für sie eine Dauerstelle zu finden.
In diesem Monat organisierten wir wieder Anlässe für bedürftige Menschen, denen wir bei unserer Arbeit in den Dörfern begegnen. Bei den Fahrten im Bezirk sind die grossen Distanzen und der daraus resultierende Zeitaufwand für uns oft ein Problem. Es ist rein physisch nicht machbar, an einem Tag mehr als eine begrenzte Anzahl Hausbesuche durchzuführen. An solchen kleinen Festen dagegen bleibt immer Zeit, mit den Menschen vertiefte Gespräche zu führen und so ihre Alltagssorgen und Nöte noch besser kennenzulernen.
An einem Nachmittag waren bei uns behinderte und vernachlässigte Kinder zu Gast. Unsere Sozialpädagogin Lidija Jewgenjewna bastelte mit ihnen ein kleines Etui. Zum Schluss bekamen die Kinder Kugelschreiber, Blei- und Farbstifte, um das Etui zu füllen, und durften es mit nach Hause nehmen. Die Freude war gross!
Die Unterhaltung und der Kontakt zu anderen Menschen ist etwas, das vielen älteren Bewohnern fehlt. Oft auch körperlich bedingt ist ihr Bewegungsradius eingeschränkt. Die Folge davon ist Einsamkeit. Ein Fest mit Speis und Trank und Akkordeonspiel ist eine grosse Abwechslung.
Bei all diesen Festen ist der Aufwand klein, aber der Erfolg gross: alle diese Menschen können für ein paar Stunden ihre Alltagssorgen vergessen.
Herzlich grüsst
Jörg Duss als Projektleiter
|
|
|
[ Aktuelles ]
[ Monatsberichte ]
[ Sozialprojekte ]
[ Selbsthilfeprojekte ]
[ abgeschlossene Projekte ]
[ Berichte Stiftungsrat ]
[ Über uns ]
[ Spenden und Steuern ]
[ Briefe aus Russland ]
[ Kontaktformular ]
[ Reisen ]
© Raduga Stiftung
| © 2004 Design & Programming |
|
 |
|
|