Rückblick des Projektleiters

Das Jahresende steht schon bald wieder vor der Tür. Eine Zeit, in der viele beruflich und privat einen Rückblick tun und das Fazit des abgelaufenen Jahres ziehen.
Auch wir als Stiftung RADUGA benützen diesen Moment, um, wie man so schön sagt,

“über die Bücher” unserer Tätigkeit zu gehen. Die Situation in der Welt verändert sich laufend. Auch in Russland hat sich im vergangenen Jahr vieles verändert, was auch an unserer Arbeit nicht spurlos vorbeigegangen ist. Durch die Tatsache, dass wir das ganze Jahr vor Ort präsent sind und abseits von Grosstädten wohnen, spüren wir umso mehr den Puls der einfachen Bevölkerung.

Den markantesten Einschnitt in den Alltag der Landbevölkerung bedeutete die Gesetzesänderung im Gesundheitssystem. Zur Entlastung der öffentlichen Krankenversicherungen wurde das ehemalige sozialistische System umgewandelt in ein marktkonformeres System. In den staatlichen Spitälern sind die Arztbesuche weiterhin unentgeltlich. Parallel dazu wurde eine Medikamentenliste erstellt mit den Präparaten, die auch in Zukunft gratis abgegeben werden. Zum grossen Unmut der Bevölkerung aber enthielt diese Liste nur noch einfachere Arzneien, sodass viele Patienten vor der Tatsache standen, ihre Medikamente selber bezahlen zu müssen. Zu Beginn dieses Jahres herrschte ein regelrechter Ansturm auf unser Büro in Tarussa, wo sich Invalide, alte Menschen, kinderreiche Familien usw. meldeten, die nicht mehr in der Lage waren, sich die benötigten Medikamente zu kaufen. Nach mehreren Aufrufen und Versammlungen wurde unter dem Druck der Bevölkerung die Liste ausgeweitet.

hausBei einem der Besuche unserer Präsidentin Monica Chappuis in Tarussa sassen wir mit unseren örtlichen Mitarbeitern zusammen, um unsere Arbeit wieder einmal, Projekt für Projekt, zu durchleuchten. Sind sie unter den heutigen Umständen noch zeitgerecht? Braucht es eventuell da und dort Veränderungen? Unter anderem beschlossen wir an dieser Sitzung, im nächsten Jahr die für unser Spitalprojekt bestimmten Mittel mehr in den abgelegenen Dörfern einzusetzen. Eine medizinische Grundversorgung ist für die Bevölkerung von grosser Bedeutung und sollte nicht nur vom Bezirksspital geleistet werden können. Für alte Menschen, aber auch für Familien mit Kindern ist es aus rein finanziellen Gründen oft beinahe unmöglich, die grossen Distanzen zurückzulegen, um eine Konsultation beim Arzt einzuholen. Mit unserem etwas abgewandelten Projekt möchten wir helfen, den Menschen solche Fahrten zu ersparen.

Wichtig ist, und dies möchte ich an dieser Stelle wieder einmal betonen, dass wir seit dem Amtsantritt von Präsident Wladimir Putin auf eine stabile Zeit zurückblicken können. Die letzten 5 Jahre unter seiner Macht brachten der Bevölkerung viel Zuversicht und Hoffnung. Verschiedene heftig kritisierte Gesetzesänderungen bedürfen eben einer Anlaufphase, bis sie den gewünschten Effekt erbringen. Die Turbulenzen um das Gesetz Hartz IV in Deutschland zeigen beispielhaft auf, dass selbst ein angesehener und erfahrener Industriestaat inmitten von Europa nicht gefeit ist gegen allerhand Probleme. Wichtig für die Menschen von heute in Russland ist eine gewisse gesicherte Stabilität, nach der sich dieses Volk seit Jahrzehnten gesehnt hat.

Als kleine Organisation haben wir den Vorteil, schnell und unbürokratisch handeln zu können. Dass es uns in diesem Jahr gelungen ist, so vieles umzusetzen und damit Leid und Not zu lindern, ist nur dank IHRER Unterstützung, liebe Spenderinnen und Spender, möglich geworden.

Für Ihre Treue und Hilfsbereitschaft möchte ich mich aus tiefstem Herzen bedanken!
Jörg Duss