Ein etwas „anderer“ Jahresbericht des Projektleiters

Liebe Spenderinnen und Spender, liebe Freunde!

Oft werde ich mit dem Argument konfrontiert, dass Russland in den letzten Jahren ja wirtschaftlich grosse Fortschritte gemacht habe. Ob bei einem solchen Wirtschaftswachstum eine Hilfsorganisation wie RADUGA überhaupt noch nötig sei?

Eine berechtigte Frage. Im nachfolgenden Bericht möchte ich Ihnen dazu anhand meiner persönlichen Erfahrungen eine Antwort darauf geben.

In der Tat, Russland hat dank dem enormen Preisanstieg im Bereich der fossilen Brennstoffe einen ungewohnt grossen finanziellen Spielraum erhalten. Davon zeugt unter anderem die Tatsache, dass z. B. die Altlasten gegenüber dem Pariser Club im August dieses Jahres frühzeitig und vollumfänglich zurückbezahlt werden konnten. Die Einsparungen an Zinszahlungen beliefen sich auf mehrere Milliarden Euro. Daraus resultierend kommt automatisch der Gedanke, mit diesen Geldern könnte man in Russland die Wirtschaft ankurbeln und die Gehälter der staatlichen Angestellten sowie die Renten anheben. Solche Investitionen von Seiten des Staates würden jedoch die Inflation nur weiter anheizen. Halbjährlich werden die Renten nun sukzessive angehoben, zwar nicht in dem Umfang, wie es sich die Menschen wünschten, aber in einem Masse, das die Inflation nicht unnötig ankurbelt.

Ein weiterer Punkt, der aber nicht nur Russland betrifft, sondern ein weltweites Problem darstellt, ist der un(?)aufhaltsame Zusammenbruch des Mittelstandes. Der Globalisierungsgedanke drängt viele Menschen in die Armut. Würde man einen Ölmagnaten diesbezüglich fragen, sähe er in diesem Geschehen natürlich bestimmt nur „globale“ Vorteile.

jelisaweteDoch das Resultat ist augenfällig. Die Unterschiede zwischen Moskau (stieg in diesem Jahr zur teuersten Stadt der Welt auf) und anderen russischen Städten und Dörfern in der Provinz sind frappant. Beängstigend ist dabei insbesondere das Tempo der „Verreicherung“ auf der einen und der Verarmung auf der anderen Seite. Ein Grossteil der Bevölkerung hat schon längst den Zug verpasst, oder anders ausgedrückt, hatte gar nie eine Chance, auf diesen Zug aufzuspringen. Zurück bleiben Menschen, denen der Glaube an die Zukunft verloren gegangen ist. Für schwache, alte und behinderte Menschen ist in diesem „globalen System“ ohnehin schon lange kein Platz mehr. Wie denn auch, was könnten sie schon beitragen…?

Am bedrückendsten ist die Tatsache, dass weltweit die Werte, welche uns überhaupt den Reichtum, den wir besitzen, verschafften, mit Füssen getreten werden. Moral und Ethik sind in diesem System nichts mehr als leere Worte geblieben.

RADUGA ist in Tarussa wie eine Insel der Zuflucht, Geborgenheit und Hoffnung geworden. Wir nähmen gerne mehr Menschen bei uns auf dieser Insel auf, doch gelangen wir finanziell und auch rein physisch an unsere Grenzen. Wichtig ist es, dass unsere Insel allen Unwettern standhält. Denn sollte sie einmal untergehen, verschwände mit ihr diese kleine Stätte der Zuflucht, die heute vielen Menschen Mut und Kraft gibt.

Ihnen, meine lieben Spender und Freunde, möchte ich von ganzem Herzen danken. Ihre Unterstützung, Ihr Vertrauen in unsere Arbeit war der Grundstein für diese „Insel“ in Tarussa. Wir werden alles daran setzen, dass sie noch lange den Menschen Geborgenheit und Hoffnung schenken darf!

Jörg Duss