Spenderbrief Teil 1

Liebe Spenderinnen und Spender, liebe Freunde!

Diesen Spenderbrief schreiben wir schweren Herzens. Wer hätte es noch vor einigen Monaten
für möglich gehalten, dass RADUGA einmal mit ukrainischen Flüchtlingen zu tun haben
würde? Wie konnte es dazu kommen, wozu wird es führen, wie wird es enden? Als
RADUGA müssen wir versuchen, solche Gedanken wegzuschieben und nur einfach zu
helfen, so gut es geht. Zum Glück ist unser Kleiderlager gut gefüllt, zum Glück haben wir das
Stiftungshaus mit einigen Schlafzimmern, zum Glück hat unser Projektleiter seinen
Biobauernhof, der als vorübergehende Bleibe und auch als Arbeitsplatz gute Dienste tut…

Unsere anderen Projekte vernachlässigen wir aber keineswegs. Noch immer nimmt die
individuelle Nothilfe einen grossen Raum ein. Menschen, Familien, die aus mancherlei
Gründen, häufig Arbeitslosigkeit, in grosser Bedrängnis leben und denen mit Lebensmitteln
und Kleidern das Leben ein wenig erleichtert werden kann. Oder Einzelfälle, wie etwa das
kleine Mädchen einer aus Tadschikistan nach Russland zurückgekehrten Familie, das seine
dringend notwendigen Medikamente erst dann unentgeltlich bekommen kann, wenn die
Familie ihre russischen Papiere erhält. Eine Routinesache eigentlich, aber bei der Verwaltung
geht nicht alles so rasch, zumal es nicht wenige russische Familien sind, die aus den
asiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken in die Heimat zurückkehren. Und mit dem Strom
ukrainischer Flüchtlinge wird das „Papier“-Problem ein riesiges Ausmass annehmen. Alle
diese Menschen möchten arbeiten, ihre Kinder zur Schule schicken, benötigen vielleicht
ärztliche Versorgung. Zum Glück ist unsere Sozialarbeiterin Swetlana Wassiljewna äusserst
kompetent und tüchtig im Abklären auch solcher Fälle.

Auch unser Sommer-Jugendlager – ein bei allen Beteiligten ausserordentlich beliebtes und
geschätztes Projekt! – wurde in Zusammenarbeit mit der Verwaltung wieder durchgeführt.

Und immer öfter erhalten wir Anfragen um Unterstützung kleiner kultureller Projekte. Das
freut uns doppelt. Zum einen ist es ein Zeichen dafür, dass es zumindest einem Teil der
Bevölkerung langsam, langsam besser geht. Und zum andern ist das grosse Interesse für
Kultur, nicht zuletzt auf dem Lande, eine Erscheinung, die uns immer wieder Bewunderung
abnötigt. Wir unterstützen solche Projekte gern, vor allem, wenn wir sehen, dass die
Gesuchsteller selber ein Konzept entwickelt haben und einen Einsatz leisten, was fast immer
der Fall ist.

Etwas Trauriges müssen wir noch berichten: Zwei unserer lieben und tüchtigen russischen
Mitarbeiterinnen haben ihren Ehemann verloren – Julija Viktorowna, Buchhalterin,
Sekretärin, Disponentin und auch sonst überall einsetzbar, wo es nötig ist, und die
Sozialarbeiterin Swetlana Wassiljewna. Die beiden ertragen den Schicksalsschlag, wie eben
die meisten russischen Menschen Schicksalsschläge ertragen – tapfer, mit Fassung und mit
Würde, als Teil des Lebens. Uns fehlt Wolodja, Swetlana Wassiljewnas Mann, ganz
besonders; er war unser Fahrer und stets hilfsbereit für alles Mögliche, ausserdem ein lieber
Mensch, den wir immer gern sahen im Stiftungshaus. Zum Glück ist der Zusammenhalt im
Team gut, die beiden Witwen sind nicht allein gelassen.

Ja – auch das ein Stück Leben, so paradox das nun hier klingen mag. Wir erleben in Russland
das Leben – alle seine Seiten! Und das auch dank Ihnen und Ihrer Treue, liebe Freunde!

Monica Chappuis, Präsidentin