Spenderbrief Teil 2

Liebe Spenderinnen und Spender

Wir schauen auf ein intensives, sehr emotionales Jahr zurück. Die tagtäglichen
Projekttätigkeiten waren unsere Begleiter durchs Jahr. Grosse Veränderungen gab es
diesbezüglich kaum. Die Schulkinder freuten sich auf die Mahlzeiten, die Alleinstehenden in
ihren Krankenbetten auf jeden Besuch, die alten Menschen über jeden Anlass, an dem sie
teilnehmen konnten. Behinderte wurden ins Spital gefahren, Kinder konnten sich im
Sommerlager austoben und so weiter! Wo Not war, da war RADUGA zur Stelle.

Und plötzlich begann der Konflikt in der Ukraine. Alles war plötzlich so nahe, viele
verschiedene Menschen trafen bei uns in Tarussa ein. Und als mich ein Bekannter bat, seine
Verwandten vorüber gehend bei uns im Stiftungshaus einzulogieren, war für uns klar, dass
wir das junge Paar mit dem sechs Monate alten Jungen aufnehmen würden.

Aus diesen jungen Menschen sprudelten die erlebten Geschichten nur so heraus. In den
letzten Wochen hatten sie Momente durchlebt, die so in Gesprächen verarbeitet werden
konnten. Die Angst und die Ungewissheit waren ihnen dabei ins Gesicht geschrieben.

Aber was uns am traurigsten stimmte, war die immer wieder gehörte Aussage: „Wir haben
seit dem Ausbruch dieses Konfliktes den Kontakt zu vielen unserer Freunde und Verwandten
verloren.“ Nicht etwa, weil diese nicht erreichbar waren, nein, nur deshalb, weil sie eine
andere Ansicht von den Geschehnissen und eine andere Meinung dazu hatten. Angesichts
dieser furchtbaren Tragödie, von der sie betroffen waren, waren beide Seiten offenbar nicht
mehr imstande zu bedenken, dass das Märchenklischee von Gut und Böse, unschuldig oder
schuldig bei solchen Konflikten nicht angewendet werden kann, und dass gerade in solch
schweren Zeiten menschliche Beziehungen nicht so leicht geopfert werden dürfen.

RADUGA mit seinen Mitarbeitern, seinem Stiftungshaus und mit Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender, ist Zufluchtsort, gibt Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen und Hoffnung. Herkunft, Religion, politische Ausrichtung und persönliche Meinung dürfen keine Rolle spielen, wenn es darum geht, einem Menschen die helfende  Hand zu reichen.

Ein alter Mann sagte einmal zu mir:
„Jeder Mensch braucht zweimal Glück im Leben. Mit den Eltern, die er bekommt, und mit
dem Ort, wo er geboren wird.“

Mit der Wahrheit dieses Spruchs werden wir auf Schritt und Tritt konfrontiert, und in einer
Situation wie der heutigen ganz besonders. Wir versuchen nach Kräften, ein wenig
auszugleichen!

Liebe Grüsse
Jörg Duss, Projektleiter