Spenderbrief Teil 4 – Natalja aus Tschuwaschien erlebt Raduga Tarusskaja

Es gibt in Russland nicht wenige wohltätige Stiftungen, aber ich hatte immer den Eindruck,
dass sie nicht sehr wirksam seien, bis ich einmal in Moskau einen interessanten Menschen
kennenlernte. Er ist Schweizer Bürger und heisst Jörg Duss. Er lebt schon seit 18 Jahren in
Russland und spricht fliessend Russisch. Und je näher ich mit ihm bekannt wurde, je mehr
eröffnete sich mir so etwas wie eine andere Welt. Seine Interessen decken sich nicht mit
denen der Menschen, die ich bis heute getroffen habe. Und seine grosse Berufung ist es, den
Menschen zu helfen.

So kam ich einmal mit ihm zusammen in das Gebiet Kaluga, in das schöne, am Ufer der Oka
gelegene Städtchen Tarussa, wo die Stiftung Raduga Tarusskaja unter seiner persönlichen
Leitung ihren Sitz hat. Anfänglich traute ich meinen Augen nicht, aber als ich die Mitarbeiter
kennen lernte und sah, womit sie beschäftigt sind, war ich – nun ja, überrascht! Ich hatte
immer den Eindruck gehabt, Stiftungen seien dazu da, dass irgendwelche Onkelchen und
Tantchen armen Bürgern einmal mehr das Geld aus der Tasche ziehen könnten, und das
erklärte meine bisherige Beziehung zu derlei Organisationen.

Ich selber kam aus dem fernen Tschuwaschien (eine autonome Republik im europäischen Teil
Russlands; Anm. d. Übers.) in die Hauptstadt Russlands. Nicht, dass es bei uns keine
Stiftungen gäbe. Aber ich könnte kein konkretes Beispiel dafür liefern, dass sie irgend
jemandem irgendwie geholfen hätten. Und siehe da, in einem anderen Teil Russlands erfahre
ich, dass hier seit über zehn Jahren eine Stiftung wirkt, und zwar nicht einfach eine russische
Einrichtung, sondern eine schweizerisch-russische wohltätige Stiftung. Und gegründet wurde
sie von der grossartigen und klugen Frau Monica Chappuis und dem in der heutigen Zeit
einzigartigen Jörg Duss.

Ich freue mich sehr, dass ich das Glück hatte, die erstaunliche, nunmehr bereits betagte Frau,
die mehrere Sprachen spricht, kennen zu lernen. Diesen beiden um andere besorgten
Menschen ist es gelungen, ihr Volk dazu zu bewegen, bedürftigen russischen Familien, die
ihren Lebensunterhalt selber nicht aufbringen können, zu helfen. Sie haben zahlreiche
Projekte, wie etwa Lebensmittelhilfe für Schul- und Kindergartenkinder und alte und
alleinstehende Menschen, die jeden Monat die notwendigen Lebensmittel erhalten, die sie
eigentlich, wie mir scheint, vom Staat bekommen sollten.

Weitere Projekte sind die Hilfe mit Bedarfsartikeln und mit Kleidern, Sommerferienlager für
Jugendliche, Spielplätze in den dörflichen Kindergärten, Zahnhygiene, Hilfe für Invalide
beim „Papierkrieg“ zum Erhalt einer Wohnung oder eines notwendigen Arztzeugnisses,
Kindergartengeld für kinderreiche Familien, bei einigen besonders Bedürftigen temporär auch
der Lebensunterhalt. Und auch die Flüchtlinge aus der Ukraine bleiben nicht unbeachtet.
Gerade hat Raduga Tarusskaja einer jungen Familie aus dem Gebiet Donezk, die eine
Zeitlang hier wohnen durfte, zur Übersiedlung ins Gebiet Irkutsk geholfen, aber bereits sind
an ihre Stelle neue Familien gekommen.

Ich möchte diesen guten und fürsorglichen Menschen meinen tiefen Respekt und ein riesiges
Dankeschön dafür aussprechen, dass es sie auf dieser Welt gibt. Diese ist offenbar nicht ohne
gute Menschen. Hätten wir nur etwas mehr davon  in Russland, auf unserem Stück Erde, und
nicht nur solche aus anderen Ländern! (Hier fühlt die Übersetzerin sich veranlasst zu sagen:
Es gibt auch in Russland nicht wenige gute Menschen!)

Natalja Pawlowa