Wan’ka-Wstan’ka – Männchen (auf Russisch Hänschen)-Stehauf

Wiederum stehen dem so schwer geprüften russischen Volk harte Zeiten bevor. Unser Projektleiter Jörg Duss schreibt uns, die Grundnahrungsmittel seien bereits merklich teurer geworden, und aus unserem Kleiderlager suchen viele Leute sich etwas aus, die das bis vor Kurzem noch nicht nötig hatten. Aber er schreibt auch: Unterkriegen lassen wir uns nicht!

Mir fiel dabei ein Gedicht des russischen Dichters Jewgenij Jewtuschenko ein. Es erzählt, wie Chan Batyj, einer der Führer der gefürchteten Goldenen Horde, nachdem er grosse Teile Russlands erobert hatte, eines Tages verdriesslich und gelangweilt in seinem Zelt sass, als sein Dolmetscher ihm den Besuch eines russischen Spielzeugmachers ankündete. Aber die geschnitzten Bärchen und Hühnchen, die dieser ihm vorlegte, vermochten es nicht, sein Interesse zu wecken oder gar seine Laune zu verbessern, und die Matrjoschka-Puppen ärgerten ihn ganz besonders, denn sie erinnerten ihn an die vielen Geheimnisse, die sich, gleichsam eins im anderen drin, im russischen Volk verbargen. Unwirsch forderte er den Spielzeugmacher auf, ihm über Nacht etwas zu erschaffen, das ihn wirklich erheitere. Dass ein solcher Befehl von Chan Batyj gleichzeitig eine Drohung war, war allen klar.

Aber am nächsten Tag erschien der Spielzeugmacher mit einer Holzpuppe. Der Form nach unterschied sie sich kaum von einer Matrjoschka. Der Chan war offenbar milder gestimmt als am Vortag, denn anstatt sogleich in Zorn auszubrechen, stiess er die Puppe nur verächtlich mit dem Finger weg. Sie fiel um – aber sie stand wieder auf. Da versuchte er es mit der ganzen Hand – aber wieder stand sie auf. Nun packte ihn die Wut, er warf die Puppe zu Boden und trat mit dem Stiefel nach ihr. Sie flog ein Stück weit weg, aber wiederum stand sie auf. Und ebenso, als er schliesslich in seinem Grimm mit dem ganzen Gewicht seines Stiefels auf sie eintrat. Er vermochte sie wohl zu zerkratzen, zu zerbeulen – aber sie stand wieder auf.

Da packte Chan Batyj das Grauen. Er hatte begriffen, mit was für einem Volk er es zu tun hatte. Und er zog seine Horde von Russland ab.

Viele Stiefel haben uns seither zertreten, zerkratzt, zerbeult, fährt Jewtuschenko in seinem Gedicht fort. Manche haben uns als das „Hänschen“ gesehen, aber sie haben dabei vergessen, dass wir auch das „Stehauf“ sind.

Am Schluss des Gedichts liegt der Spielzeugmacher tot am Wegrand. Wir müssen wohl annehmen, dass der Chan ihn in seiner Wut umgebracht hat. Aber neben dem Toten steht Wan’ka-Wstan’ka. Er steht.

Und wir, das RADUGA-Team, wir wissen, dass er auch diesmal wieder aufstehen wird. Aber wir wollen versuchen, wenigstens im Bezirk Tarussa einige seiner Beulen und Kratzer zu heilen!

Monica Chappuis