Monatsbericht Juli 2016

Wenn Sie jemanden suchen, der sich daran erinnert, dass je einmal im „Sommermonat Juli“ viele Dörfer wegen der aufgeweichten Strassen noch immer schlecht zu erreichen waren, werden Sie mit Sicherheit niemanden finden! Erst die letzte Woche brachte endlich mal Sonnenschein, ansonsten hat es immer nur geregnet. Sollte der Regen sich weiterhin so ergiessen, wird es mit der Ernte schwierig werden. Die Kartoffeln z.B. würden bei noch mehr Feuchtigkeit anfangen zu faulen. Hoffen wir alle, dass das Wetter sich unser endlich erbarmt und wir uns auf eine gute Ernte freuen können.

Anfang des Monates hatte ich die Gelegenheit, in Moskau ein Obdachlosenheim kennenzulernen. Auf elf Häuser verteilt leben dort um die 600 Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen in solche Umstände gelangten, dass sie sich auf der Strasse wieder fanden. Sie kommen aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft, es gibt unter ihnen einfache Menschen, aber auch Akademiker.

In Anbetracht der Möglichkeiten, die unser Landwirtschaftsprojekt bietet, entschlossen meine Frau Natalja und ich uns, aus diesem Heim einige Menschen zu uns zu nehmen und zu versuchen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Gesagt getan, wir fuhren hin und suchten drei oder eigentlich vier Personen aus. Hierbei handelt es sich um die 26 jährige Lena mit ihrer 4 jährigen Tochter Veronika, den 22 jährigen Artjom und den 24 jährigen Ewgenij. Zuerst unterzogen wir alle sicherheitshalber einem Medizincheck, der ergab, das Ewgenij behandelt werden muss! Parallel dazu machten wir eine IST Aufnahme über die Dokumente, die sie besitzen. Lena hat alles, Artjom keinen Pass, keine Versicherungsnummer usw. Ewgenij hat ebenfalls keinen Pass.

Nach dieser langwierigen Prozedur befinden sich nun Lena mit ihrer Tochter und Artjom auf dem Bauernhof. Ewgenij ist weiter in Behandlung, und es ist noch nicht absehbar, wie es mit ihm weiter gehen wird.

In erster Linie müssen diese Menschen jetzt lernen wieder in der Gesellschaft zu leben. Artjom z.B. hat jeden Tag grosse Angst, dass es nichts zu essen gibt, da er die letzten Jahre sehr viel gehungert hat. Ebenso klammert er sich an seinen Schlafplatz, der jetzt „SEIN“ neues Zuhause ist. Zudem hat er grosse Probleme mit dem Kontakt zu anderen Menschen. Er lebte über vier Jahre auf der Strasse und war nur auf sich alleine gestellt. Begriffe wie Vertrauen, Ehrlichkeit, Freundschaft usw. sind für ihn fremd. Er sagt mir selber, dass er wieder lernen muss in der Gesellschaft zu leben. Das ist für ihn nicht einfach, und seine oft wirren Gedanken stören ihn ebenfalls dabei.

Nichts desto weniger bin ich persönlich grosser Hoffnung, dass wir das hinbekommen! Es wird sicher Rückschläge geben, aber ohne diese geht es halt im Leben nicht!

Mit freundlichen Grüssen

Jörg Duss