Meine Erfahrungen in Russland

Schon ein Jahr ist es her, als ich das erste Mal russischen Boden betrat. Ein großer Traum wurde wahr! Ich, Theresa Lieber, Musiktherapiestudentin aus Wien, hatte in der Schule Russisch gelernt und wünschte mir schon lange nach Russland zu reisen, um dieses große wunderbare Land und seine Leute kennenzulernen.

Ich habe die Möglichkeit bekommen drei Monate (von Ende September bis Anfang Dezember 2016) in Russland zu verbringen. Durch Zufall bin ich auf die Stiftung Raduga gestoßen (meine ehemalige Russischlehrerin hat im Fernsehen einen Bericht über das Projekt gesehen). Da ich das sehr interessant fand, habe ich mich bei Jörg gemeldet und wurde herzlich willkommen geheißen, mir die Stiftung anzuschauen und mitzuhelfen.

Für diese Möglichkeit und diese wunderbare Zeit dort, bin ich Jörg und seiner Familie sehr dankbar!

Viele berührende und interessante Erlebnisse und Begegnungen werde ich nie vergessen. Bei einem Besuch von Monica Chappuis, Präsidentin der Stiftung RADUGA und Vizepräsidentin der russischen Stiftung Raduga Tarusskaja, durfte ich bei dem Besuch eines Kindergartens, der von der Stiftung aufgebaut wurde, dabei sein. Dort lernte ich zwei sehr freundliche Erzieherinnen kennen, die eine Gruppe von ca. 18 Kindern im Alter von 1,5 bis 6 Jahren betreuten. Viele der Kinder stellten sich mit ihrem Namen vor und mit einem Mädchen und einem Jungen habe ich „Verstecken“ und „Fangen“ gespielt. Danach hatte ich einen 1,5 – jährigen Jungen am Schoß, der sich an mich gekuschelt hat und fast eingeschlafen wäre. Ich war erstaunt, wie schnell der Junge Vertrauen gefasst hat und mich als „Mutterersatz“ akzeptiert hat.

Nach dem Mittagessen fuhren wir zu vier Familien, um Lebensmittelpakete abzuliefern und die aktuelle Situation zu besprechen (Fragen wie: „wie geht es weiter?; was könnte man verändern/ verbessern?; was wird benötigt?“, wurden besprochen). Im ersten Haus begrüßte uns eine Frau mittleren Alters, sie schien überanstrengt und ausgelaugt. Sie hat 3 Söhne, zwei sind 3 und einer 14 Jahre alt. Das Haus wirkt sehr baufällig, jedoch haben sie einen großen Garten mit einer Ziege, die ca. einen halben Liter Milch pro Tag gibt. Es existiert ein Stall, dieser müsste ein wenig renoviert werden. Sie baut Kartoffeln, Karotten, Zwiebel und noch anderes Gemüse an. Geld haben sie fast keines, da der Vater alkoholkrank ist. Das machte mich sehr betroffen.

Die nächste Familie lebt gleich in der Nähe. Sie wohnen in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern. Im Wohnraum schlafen 10 Kinder auf am Boden liegenden Matratzen; es gibt außerdem noch zwei Stockbetten. Im Vorzimmer saß ein 17 – jähriges Mädchen mit einem ca. einjährigen Kind vor einem kleinen Fernseher. Es ist alles sehr eng. Die Mutter bedankte sich herzlich für das Essenspaket und wir plauderten noch ein bisschen.

Die Wohnung einer anderen Familie sah eigentlich ganz behaglich aus: 2 kleine Zimmer und eine Küche habe ich vom Vorzimmer aus gesehen. Der älteste Sohn ist taubstumm und die jüngste ist ca. 1,5 Jahre und krabbelte fröhlich umher. Durch das Fenster konnte ich den Garten sehen; er bräuchte dringend Pflege, damit man dort wieder Gemüse anbauen kann, jedoch kann die Frau ihren Garten nicht auf Vordermann bringen, weil sie mit ihrer Familie alle Hände voll zu tun hat. Jörg bietet ihr an, Samen und Jungpflanzen bereit zu stellen, damit sie mehr Versorgung aus dem Eigenanbau sicherstellen kann.

Am nächsten Tag fuhren wir zu einer Schule: dort zeigten uns die Direktoren zwei Kindergruppen und einige Klassenräume. Bei einer Tasse Tee wurde geplaudert und wir erfuhren einiges über die Zukunftspläne und Ideen der dort arbeitenden Lehrerinnen. Vor der Mittagspause kehrten alle Schüler und Schülerinnen gemeinsam den Hof, es war Herbstzeit und alle haben zusammengeholfen, dann wurde gegessen.

Ende November in der Nacht von 13. auf 14. November brannte der Hof, der sich in der Nähe von Tarussa befindet, fast vollständig ab. Nur die Banja, das alte Bauernhaus und das gerade im Bau befindliche Wohnhaus blieb erhalten. Wir standen alle unter Schock…. In der Früh standen schon die ersten freiwilligen Helfer und Helferinnen vor der Tür. Dies hat mich zu Tränen gerührt! Auch ich konnte einige Tage helfen, Schutt und Asche wegzuschaufeln. Trotz dieses schrecklichen Ereignisses waren Jörg und seine Familie und auch viele andere Menschen frohen Mutes, den Hof wiederaufzubauen.

Noch mitten in der Aufräumphase musste ich das Land wieder verlassen. Als ich wieder zu Hause in Wien war, wurde mir bewusst, welche Unterschiede in meinem alltäglichen Leben im Vergleich zu Russland herrschen. Der Luxus einer warmen Dusche, einem Geschirrspüler oder einfach die regelmäßig fahrenden Öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien, geschweige denn die große Auswahl an Lebensmitteln, konnte ich nach meiner Rückkehr wieder mehr schätzen. Ich konnte seither die Kleinigkeiten, die sonst so selbstverständlich für mich sind, wieder viel mehr wertschätzen.
Im April und im Mai besuchte ich die Stiftung für jeweils eine Woche. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, wie schnell alles wieder aufgebaut wurde. Wo es im April noch unmöglich war, aufgrund des nassen und ungemütlichen Wetters, direkt mit dem Auto zum Hof zu fahren und wir die letzten 4 km zu Fuß gehen mussten, war es Mitte Mai schon wärmer und trockener. Gemüse konnte angebaut werden und es wurde fleißig am Stall und an den Häusern gebaut. Schweren Herzens verließ ich Ende Mai Tarussa, wissend, dass ich wahrscheinlich aufgrund meines Studiums und anderen Verpflichtungen nicht so schnell wiederkommen werde können.

Ich bin unglaublich dankbar für die Zeit, die ich mit und bei Jörg, Natascha und Andrei verbringen, für die außergewöhnlichen Erfahrungen, die ich machen durfte und für alle Menschen, die mich in diesem großen Land aufgenommen haben, mir geholfen oder einfach mit mir geplaudert haben. Besonders schön fand ich die selbstverständliche Gastfreundschaft, die gebenden Hände, die trotz der großen Armut immer offen sind und die Aufrichtigkeit der Menschen. Die immer hilfsbereiten Leute und der starke soziale Zusammenhalt der Gemeinschaft am Hof und der unbeugsame Lebenswille haben meine Lebenseinstellung geprägt. Stolz auf ihr Land und dem Schicksal trotzend, stellen sie sich dem Leben, und das hat mich inspiriert und mich verändert. Dafür danke ich allen, die mir diesen neuen Weg gezeigt haben.

Ich freue mich auf meine nächste Möglichkeit nach Russland zu reisen!
Theresa Lieber